Bombenstimmung

Technik/Wasserstrahlschne

Der Wasserstrahl ist vielleicht das vielseitigste Werkzeug überhaupt. Deshalb ist es kein Wunder, dass findige Tüftler immer wieder neue Einsatzmöglichkeiten entdecken – etwa für Räumdienste im umfassendsten Sinne.

15. Oktober 2013

Eigentlich glaubt man, die wichtigsten Anwendungen für Wasserstrahlschneidanlagen zu kennen: Metallplatten, Grabsteine, Knäckebrot Doch selbst Experten werden manchmal überrascht, was noch so alles möglich ist – etwa, weil Wasser weder brennt noch Funken erzeugt, die manchmal äußerst unerwünscht wären.

Sehr geeignet ist der Hochdruck-Wasserstrahl deshalb in explosiver Umgebung. Und ein sehr willkommener Sonderfall des HD-Wasserschneidens ist folglich das erst seit etwas über zwei Jahren betriebene Zünderaustrennen an Blindgänger-Sprengkörpern, wo eine manuelle Entfernung zu riskant oder unmöglich ist. Entwickelt wurde das Verfahren durch die Hammelmann Maschinenfabrik aus Oelde (Westfalen) in Zusammenarbeit mit bundesweiten Diensten der Kampfmittelräumung. Zur wirksameren Metallzerschneidung wird ein Spezialsand zugesetzt. Die gesamte Schneidvorrichtung haftet mit einem Magneten auf dem Stahlkörper des Blindgängers. Hochdruckwasser wird von einer Plungerpumpe der Düsenanordnung zugeführt.

Im Injektor wird zunächst durch eine Hochdruckdüse ein Freistrahl erzeugt. Dieses Presswasser strahlt durch eine Mischkammer in ein Fokusrohr aus Hartmetall; in der Mischkammer baut sich ein Unterdruck auf und saugt Luft und Abrasivmittel über ein seitlich installiertes Zuführrohr an. Gleichzeitig beschleunigt der Hochdruckwasserstrahl das Abrasivmittel und transportiert es durch das Fokusrohr. Das Wasser-Sand-Gemisch verlässt den Schneidinjektor mit einem Betriebsdruck von 2600 bar, wobei die eingesetzte Saphirdüse nur 0,5 Millimeter Durchmesser hat.

Ein Antrieb per Luftmotor (funkenfrei!) erzeugt zusätzlich die Kreisbewegung der Schneiddüse. Über ein Absperrventil kann die Luftzufuhr eingestellt werden. Das Herausschneiden des Bombenzünders dauert im Durchschnitt weniger als zehn Minuten. Der Vorgang wird vom Kampfmittelräumdienst in sicherer Entfernung gesteuert und über einen Monitor verfolgt. Inzwischen wurde auf diese Weise eine Vielzahl von Bombenblindgängern sicher entschärft und entsorgt.

Räumdienst der anderen Art

Die von früher bekannten Hochdruck-Wasserstrahl-Bearbeitungen an Beton haben sich inzwischen auf eine Vielzahl von Werkstoffen erweitert. Als letzte Entwicklungen verrichten neuerdings wendige, fernsteuerbare HD-Strahl-Roboter auch in schwer zugänglichen Arbeitsbereichen ihre Aufgaben mit Vorteilen für das Personal und den Arbeitsschutz.

Weitere Anwendungen erstrecken sich auf das Schneiden, Zertrennen und Bohren beispielsweise von Gummi (Altreifen!), PVC, Leder, Kunststoffen, Panzerglas, Edelstahl, Aluminium, Holz, Bronze, Keramik, Metalle, Acrylglas, Drahtgewebe, Folien, Titanlegierungen, Filzen, Teflon, Marmor, Schaumstoffen, Verbundwerkstoffen, Faserverbundstoffen, Polycarbonaten, ja sogar Nahrungsmitteln.

Das Verfahren arbeitet mit variablen Drücken von 1000 bis 4000 bar praktisch spanfrei, selbstkühlend und umweltschonend. Für die kinetische Wirkung und Effizienz ist letztlich nicht der maximale Druck, sondern die zeitbezogene Quantität an durchgesetztem Wasservolumen wesentlich.

Dr. Sieghart Brodka

Fachjournalist aus München

Erschienen in Ausgabe: 05/2013