Blechlager – Zentrum der Fertigung

Technik/Lager und Logistik

Das Schweizer Fahrzeugbau-Unternehmen PWP versorgt direkt aus dem automatischen Blechlager Kasto Unitower B 3.0 eine Blechschere, eine Stanz-/Plasmaschneidanlage und weitere Bereiche der flexiblen Blechteilefertigung.

04. Juni 2013
Längsfahrwagen mit Hubeinrichtung in der Übergabe-Position an der Blechschere
Bild 1: Blechlager – Zentrum der Fertigung (Längsfahrwagen mit Hubeinrichtung in der Übergabe-Position an der Blechschere )

Standardisierte Fahrzeugbau-Komponenten des Schweizer Spezialisten PWP SA in Payerne (CH) – oder: Aluminium-Trailer-Kit nach Maß, Aluminium-Trailer-Kit-Hubsystem nach Maß, Slider-Bausätze nach Maß, Tür-Systeme nach Maß und dazu solches Zubehör wie Drehstangenverschlüsse und Spannratschen sowie Aluminium-Riffelblech-Kotflügel – was sich zunächst als Widerspruch in sich darstellt, nämlich mit standardisierten Komponenten Fahrzeugbau-Lösungen nach Maß zu kreieren, stellt für PWP schon lange keinen Spagat mehr dar. Denn seit der Gründung im Jahr 1971, als Hersteller von Leichtbau-Komponenten für LKW, hat sich das typisch mittelständische KMU zu einem europaweit führenden Lieferanten für Fahrzeugbau-Betriebe aller Größen entwickelt, eben mit der Entwicklung, Herstellung und Konfektionierung von Fahrzeugbau-Komponenten.

Aktuell sind bei PWP 75 Personen damit beschäftigt, aus Standard-Formatblechen, Sandwichpaneels verschiedener Dicken, diversen Aluminiumprofilen und Drehstangenverschlüssen sowie Türelementen komplette Sets für Standard-Aufbauten oder für individuelle Aufträge der Kunden zu konfektionieren. Sämtliche Bauteile werden in Eigenregie konstruiert und bei Zulieferern mit eigenen Werkzeugen (für Spezialprofile) hergestellt. Die Halbzeuge und montagefertigen Bauteile werden zu PWP geliefert und dort nach der Wareneingangsprüfung eingelagert. An Aluminiumprofilen und Halbzeugen für die Serien- und für die Spezialfertigung sind immer mehrere Hundert Tonnen auf Lager, um die Kunden schnell beliefern sowie zeitnah auch auf Sonderwünsche reagieren zu können.

Konsequente Lagerstrategie

André Nicolet, Direktor der Verwaltung bei PWP, erklärt die Lagerstrategie so: »Wir haben eine sehr heterogene Kundschaft: viele kleine und wenige große Fahrzeugbauer. Die kleinen Kunden bestellen oft Einzelteile und vorkonfektionierte Sets, die großen dagegen fordern auf Zuruf JiT-Belieferung sowohl mit Sets als auch mit Komponenten in Stückzahlen von eins bis mehrere Hundert. In jedem Fall müssen wir termingerecht liefern, weshalb wir zum einen auf ein umfangreiches Materiallager und zum anderen auf ausreichende Kapazitäten, bezogen auf die Blechbearbeitungsmaschinen wie auf das Fachpersonal, setzen. Da wir in den letzten Jahren unser Lieferprogramm beständig ausgebaut haben und auch im Bereich Sonderteile gewachsen sind, erhöhten sich der Materialbedarf und damit der Materialumschlag, weshalb wir zum wiederholten Mal die Materialflussprozesse überprüften und zum Schluss kamen, in mehr Lagerkapazität für Bleche und Flachprodukte investieren zu müssen.«

So begaben sich André Nicolet und die Kollegen aus dem PWP-Leitungsgremium auf die Suche nach einem geeigneten Blechlagersystem und kamen dabei mit der Hch. Reimmann AG, Schweizer Vertretung von Kasto, Achern-Gamshurst, in Kontakt. Zusammen mit deren Blechfertigungsspezialisten Daniel Christen wurde ein umfassendes Materialflusskonzept entwickelt, dessen ›Herz‹ das neue Blechlagersystem bilden sollte. Die Herausforderung für Kasto bestand darin, in Kompaktbauweise eine Einlagerstation und sowohl eine Auslager-Längs- als auch eine Auslager-Querstation zur direkten Beschickung einer Blechschere und einer Stanz-/Plasmaschneidanlage darstellen zu können.

›Herz‹ der Blechteilefertigung: das Automatiklager

Nach eingehender Analyse und Bedarfsklärung der Lager- und Umschlagskapazitäten fiel die Entscheidung auf das automatische Blechlagersystem Kasto Unitower B 3.0 mit eben einer Einlager- und zwei unterschiedlichen (Längs-, Quer-) Auslagerstationen. Das in Doppelturm-Bauweise ausgeführte Blechlager ist für die Lagerung und das Handling von Blechen des maximalen Formats 1500 x 3000 mm ausgelegt. Die Lagerung erfolgt auf Systempaletten mit jeweils 3 t Nutzlast. Die Paletten haben die nutzbaren Abmessungen 3000 x 1500 x 90 mm. Bei einer Systemhöhe des Lagers von 11965 mm stehen in den beiden Lagertürmen 115 Plätze zur Verfügung.

Die Länge des Lagers beträgt lediglich 4945 mm und die Breite auch nur 5730 mm (jeweils ohne Stationen), womit auf wenig Fläche doch eine enorme Lagerkapazität zur Verfügung steht. Für das Paletten-Handling ist das zwischen den Lagerblöcken angeordnete Regalbediengerät zuständig, das mittels Zieh-Schiebe-Einrichtung die Paletten ein- und auslagert. In das RBG ist zudem eine Wiegeeinrichtung integriert, um die Ein-/Auslagergewichte kontrollieren und für die Bestandsverwaltung dokumentieren zu können. Außerdem gibt es an den Einfahröffnungen des Lagers optische Konturenkontrollen, um, hinsichtlich der Paletten-Beladehöhe und überstehender Bleche, Störungen und Beschädigungen auszuschließen.

In Längsrichtung des Lagers sind die beiden Längsstationen angeordnet: eine zum Einlagern und eine zum Auslagern direkt an eine Blechschere. Dafür ist die ›Doppel‹-Längsstation mit einem Verfahrwagen ausgerüstet, der wahlweise eine Palette zur Beladung mit einzulagernden Blechen in die Einlagerstation befördert, oder eine Palette mit dem aktuell benötigten Blechmaterial aus dem Lager holt und in die Entnahmeposition an der Blechschere transportiert.

Produktivitätsplus durch optimalen Materialfluss

Der Beschickung der kombinierten Stanz-/Plasmaschneidanlage dient die Querstation, die für den Quertransport der Palette aus dem Lagerbereich heraus mit einem Palettenförderer ausgerüstet ist. Von dieser Entnahmestation aus gelangen die Bleche per Vakuumhebegerät direkt auf den Maschinentisch der Stanz-/Plasmaschneidanlage. Zur weiteren Lagerausstattung gehören ein Auspacktisch, eine hydraulische Hubeinrichtung mit Stempeln zum Umsetzen der Bleche vom Auspacktisch auf die bereitstehende Palette, die Lagersystem-Steuerung Kasto Easycontrol für den automatischen Betrieb mit Identnummern- sowie Bestandsverwaltung und schließlich die Rundum-Schutzeinhausung.

André Nicolet äußerte sich sehr zufrieden mit der absolut praxisgerechten und die Effizienz und Produktivität nachdrücklich fördernden Lager- und Materialfluss-Lösung: »Wir arbeiten hier traditionell im Einschichtbetrieb an 42,5 Stunden pro Woche. Um die Lieferfähigkeit gewährleisten zu können, muss die technische Verfügbarkeit aller Einrichtungen und ganz besonders des automatischen Lagersystems absolut gegeben sein. Zur Unterstützung nutzen wir deshalb auch das Ferndiagnosesystem von Kasto per Internet. Die direkte Kopplung des automatischen Blechlagersystems mit der Blechschere und mit der Stanz-/Plasmaschneidanlage ist ideal, weil die Bediener die Bleche nur noch umsetzen müssen, was in kürzester Zeit geschieht, wodurch sich der Maschinen-Stillstand auf ein Minimum reduziert. Außerdem ist jetzt Mehrmaschinenbedienung durch weniger Personal möglich, weil etwa die Stanz-/Plasmaschneidanlage ein ganzes Blechformat abarbeitet und der Werker in dieser Zeit andere Arbeiten vornehmen kann.«

Edgar Grundler

Fachjournalist aus Allensbach

Erschienen in Ausgabe: 04/2013