Bindungsängste

Editorial

»Die deutsche Sprache wird von Generation zu Generation bäher. Rettet den Bindestrich!«

06. Juni 2014

Erneute Fälschungsvorwürfe gegen den Adac. Zu Recht! Denn der Vorstandswechsel hat in diesem Falle gar nichts gebracht. Jetzt kommen die Fälschungsvorwürfe nämlich von der bbr: Weit über den unmittelbaren Wirkungskreis seiner Motorwelt hinaus reicht der Schaden dieser Adac-Fälschungen: Rechtschreibfälschungen übelsten Ausmaßes: mehr als 160000000-mal im Jahr verbreitet. Selbst wenn 90 Prozent der Auflage ungelesen in die Ablage flögen, würden die Lese- und Schreibgewohnheiten von Millionen Menschen verheert.

Adac? Müsste das nicht versal … Gegenfrage: Müsste nicht auch PKW, LKW und KFZ geschrieben werden? Nein, heißt es im Duden, der entgegen den allgemeinen Regeln Pkw, Lkw und Kfz vorzieht. Und wer ist schuld? Der Adac mit über 160000000 Vorgaben pro Jahr, denn unsere Rechtschreibrichter und ihre Redaktionen definieren als richtig, was eine Mehrheit oft genug falsch schrieb – selbst den Gröufaz ist: den größten Unfug aller Zeiten. Wir schreiben doch auch RBG, WSP und BAZ und nicht Rbg, Wsp und Baz. Recht so! Pkw kann man nicht einmal richtig aussprechen – also »Pkw«, nicht »Pekawe«. »Pkw« klingt wie Schluckauf, »Kfz« wie eine bairische Aufforderung zum Drogenkonsum.

Aber es kommt noch schlimmer: Die Motorwelt-Redakteure führen seit Jahrzehnten einen erfolgreichen Vernichtungsfeldzug gegen den Bindestrich – ob aus Absicht oder Unfähigkeit, sei dahingestellt. Und bereits mehrere Schülergenerationen sind völlig verwirrt, im Stich gelassen von Alt-68er-Lehrern, die Rechtschreib- wie alle anderen Regeln für reaktionär halten (was sie genau genommen auch sind). Schätzungsweise 73 Prozent aller Bindestriche sind schon ausgerottet; etwa 5000000000 jährlich alleine vom Adac!

Man überlege sich nur, warum ein Bindestrich ›Bindestrich‹ heißt (für Motorwelt-Redakteure: das ist so ähnlich wie mit der Beschleunigungsspur): Was ZUSAMMENgehört, wird ZUSAMMENgeschrieben; der BINDEstrich BINDEt, GeTRENNTschreiben TRENNT. Die Bindestrich-Bindung ist so eng wie die per Zusammenschreiben; nur dass man manchmal nicht zusammenschreiben kann oder darf. Also heißt es nicht ›Formel 1-Rennen‹, ›Gottlieb Daimler-Medaille‹ und schon gar nicht ›16 Zoll-Räder‹ – das wären nämlich 16 Fahrräder einer Behörde –, sondern Formel-1-Rennen, Gottlieb-Daimler-Medaille und 16-Zoll-Räder.

Maschinen, die das Unternehmen Hans Huber herstellt, sind folglich Hans-Huber-Maschinen, und wenn Hans Huber keinen Bindestrich in seinem Namen mag, dann sind es halt die Maschinen von Hans Huber. Hier ist das ›von‹ einmal gerechtfertigt, während damit sonst jeder Genitiv nicht geadelt, sondern verodelt wird.

Selbst wenn Orthographie für frühere Schriftleitergenerationen noch Ehrensache und die Auflage der Motorwelt vor Jahrzehnten noch deutlich geringer war – hätten ihre Redakteure und Korrektoren für jeden Rechtschreibfehler eine Mark oder Euro an den Fiskus abgeführt (alles in allem wohl eine halbe Billion), wäre Deutschland fast schuldenfrei.

Kein Wunder, dass sich unsere kulturbewussten österreichischen Nachbarn mit Grausen abwenden: »Wir sprechen schon wie die Deutschen« warnte das Magazin ›News‹ Anfang des Jahres vor dem kulturellen Absturz. Schon reingefallen: »Wir reden schon …« müsste es heißen. Jedoch: Was wie eine Hetzkampagne gegen einen verachteten nördlich-nordischen Nachbarn klingt, ist die Angst vor dem Piefkenesischen, dem Bayern und Franken, Badener und Schwaben schon vor fast 150 Jahren zum Opfer gefallen sind. Tschühüss, Jung(en)s und Mädels! Ihr könnt da nichts für.

Seit einigen Jahren fällt auch etwas Baby-Holländisches ein: das grässliche l-Wort, das das Gegenteil von ›bäh‹ bezeichnet, und erklärt, warum der Teller alle-alle ist. Früher hat Essen einfach gut geschmeckt oder eben nicht, jetzt soll es l..... schmecken. Meck, meck! Hat eigentlich schon einmal jemand gemerkt, dass in ›l.....‹ alle Buchstaben von ›ekel‹ stecken und das l-Wort auch danach klingt – richtig unappetitlich und unanständig? Schüttel! Graus!!! Nichts gegen die Niederlande und ihre Bewohner, aber musstet ihr uns ausgerechnet ›tschüss‹ und ›l.....‹ schenken?

Liebe Brüder und Schwestern in Österreich, haltet durch! Bewahrt eure Identität und euer gutes Essen! Wehrt Euch gegen den preußischen Kulturimperialismus! Schließlich werdet ihr in ein paar Hundert Jahren die Letzten sein, die noch Bairisch sprechen.

Rechtschreibung, Worte, Schall, Rauch ziemlich oberflächlich, was? Stimmt! Mehr dazu im ›Fokus‹ dieser bbr. Und auf die Vielsprachigkeit, die uns im Herbst in Düsseldorf und Hannover erwarten wird, kann sich der eine oder die andere von uns hoffentlich im Urlaub vorbereiten – auch in Holland oder Österreich.

Hans-Georg Schätzl

Erschienen in Ausgabe: 04/2014