Biegepräzision auf 16 Metern

Ein Spezialist in Sachen Blechbearbeitung sorgt für Wirbel, denn im Dezember des letzten Jahres wurde eine neue, ganz besondere Abkantpresse in Betrieb genommen. Die innovative Variopress 1250-80 Tandem von EHTermöglicht die Produktion von Biegeteilen auf einer Länge bis 16 Meter.

23. Juli 2012

So beschaulich die etwa einstündige Fahrt durch die sächsische Landschaft von Dresden nach Riesa auch erscheinen mag, ein Blick auf und vor allem in die Gebäude und Hallen des Riesaer Blechbearbeitungsspezialisten Rime genügt, um zu erkennen, dass man hier auf Wachstum und Größe setzt: Eine neue, hochmoderne 16-Meter-Abkantpresse mit einer Gesamtpresskraft von 25.000 kN thront in der für ihre Ausmaße fast zu niedrigen Halle und dominiert alle anderen Maschinen deutlich – einmal ganz abgesehen von den Menschen, die wie Zwerge neben der über 300 Tonnen schweren und viereinhalb Meter hohen Abkantpresse wirken.

Und damit nicht genug: Direkt gegenüber der riesigen Presse herrscht bereits wieder Hochbetrieb, denn eine innovative Laseranlage steht ins Haus und wird im April 2012 in Betrieb genommen – damit die bis zu 16 Meter breiten Bleche nicht nur abgekantet, sondern auch zugeschnitten werden können.

Die Investition in diese zwei ganz besonderen Maschinen setzt ein klares Signal, gerade in Zeiten wirtschaftlicher Unwägbarkeiten. „Dinge tun zu können, die nicht dem Standard entsprechen und die nicht überall zu bekommen sind, das ist uns sehr wichtig“, erläutert der geschäftsführende Gesellschafter Frans Tollenaar die Entscheidung zum Kauf der beiden Großkaliber. „Wir sind uns sicher, dass diese Investitionen uns auch in Zukunft krisenresistent machen werden.“

Mit diesem Vorwärtstrend innerhalb des letzten Jahres setzt Rime beinahe schon eine Tradition fort – die des konstanten Wachstums. Im Jahre 1993 gründete der damalige Geschäftsführer und Inhaber Rolf Rinklin den Riesaer Betrieb als weiteren Standort seines eigentlich im baden-württembergischen Herbolzheim beheimateten Unternehmens. Betriebsleiter Steffen Wätzig, ein Riesaer der ersten Stunde, wurde vor Eröffnung des Standortes in Sachsen daher zunächst ein halbes Jahr im Mutterunternehmen geschult. Wätzig erinnert sich: „Als wir hier angefangen haben, war das Bürogebäude noch nicht fertig. Wir saßen also in unserem kleinen Grüppchen in der kalten Halle beieinander und haben auf die ersten Aufträge gewartet.“

Mit sieben Mitarbeitern, einer kleinen Werkhalle und einem viel zu großen Bürogebäude nahm der Betrieb seine Arbeit auf und entwickelte sich in den folgenden Jahren zu einem der führenden Blechbearbeiter Sachsens. Bereits 1997 hatte sich die Belegschaft mehr als verdoppelt und der erste Ausbau des Werksgeländes war notwendig geworden. Auch die neuen Lager wurden schnell zu klein, es wurde Land gekauft und in neue Maschinen investiert.

Nachdem Rolf Rinklin bereits 2004 den Herbolzheimer Standort verkauft hatte, übergab er schließlich 2007 die jetzt in Riesa beheimatete Rime GmbH an die Tollenaar-Firmengruppe, die bereits im niederländischen Zwolle eine Firma mit ähnlicher Produktpalette führte.

Heute, im Jahr 2012, hat die Rime GmbH 55 Mitarbeiter und schon wieder ordentlich Platzprobleme. Das Bürogebäude – zu Beginn deutlich überdimensioniert – ist heute als eher kuschelig zu bezeichnen und mit den zwei neuen Maschinen wird es auch in der Werkhalle recht eng. Planungen zu einer weiteren Vergrößerung der Gebäude und Anlagen sind deshalb bereits in vollem Gange. Denn Rime hat sich im Laufe der Zeit einen großen Maschinenpark zugelegt. Nach Inbetriebnahme der neuen 16-Meter-Maschinen, der Laseranlage und Kantbank, verfügt Rime allein über vier Abkantpressen in unterschiedlichen Größen sowie drei Laserschneidanlagen. Hinzu kommen Maschinen zum Stanzen, Scheren, Schweißen, Fräsen und Schleifen.

Die hauseigene CAD-Abteilung sorgt darüber hinaus dafür, dass die Planungen vor der Projektrealisierung perfekt laufen. Erst wenn der Kunde und die CAD-Profis mit den digitalen Entwürfen zufrieden sind, werden sie in ein Programm umgesetzt. Die Maschinen setzen das Projekt dann automatisch um. Schiefgehen kann so fast nichts mehr.

Der wirtschaftliche Erfolg der Rime GmbH basiert auf einem ebenso einfachen wie tragfähigen Prinzip: Alles aus einer Hand. Nur so kann die hohe Geschwindigkeit, die fest zum Kundenversprechen gehört, gehalten werden. Aus diesem Grund stand die Entscheidung, zusätzlich zur neuen Abkantpresse auch in eine Laserschneidemaschine zu investieren, schnell fest. Geschäftsführer Frans Tollenaar bringt es auf den Punkt: „Wenn man 16 Meter abkanten kann, sollte man auch 16 Meter schneiden können. So einfach ist das.“

Rime beliefert vor allem Unternehmen im Fahrzeug- und Maschinenbau mit Blechteilen aller Art. Neu dazukommen sollen jetzt auch Kunden aus den Bereichen der Offshore-Technik und des Wasserbaus, in denen oft sehr lange Blechteile ohne Schweißnähte benötigt werden. Dank der neuen Maschinen ist Rime jetzt in der Lage, den hohen Ansprüchen dieser neuen Kundengruppen gerecht zu werden.

Ein Abkant-Schwergewicht der Extraklasse

Der Aufbau und die Montage der neuen Variopress 1250-80 Tandem von EHT wurde bei Rime richtiggehend zelebriert. Ein eigens eingerichteter Blog (http://rime-riesa.blog.de) informierte Kunden und Interessierte in regelmäßigen Abständen über den Baufortschritt in der Lagerhalle. Los ging es Mitte Februar 2011 mit der frohen Kunde, dass der Auftrag für die Maschine erteilt wurde. Zu diesem Zeitpunkt stand noch nicht einmal fest, wo die insgesamt über 24 Meter lange Maschine ihren Platz in der Werkhalle finden wird.

Nach umfangreichen Planungen, aufwendigem Umsetzen der bereits vorhandenen Maschinen und zeitintensiven Vorbereitungen – beispielsweise musste ein entsprechend langes, 18 Meter breites und über 4 Meter tiefes Fundament ausgehoben und betoniert werden – rollten Anfang Oktober die ersten LKWs mit den Einzelteilen der neuen Abkantpresse auf das Werksgelände der Rime GmbH.

Der wirklich kniffelige Part stand dann jedoch noch bevor: Die bis 30 Tonnen schweren Bauteile der Variopress mussten millimetergenau in der verhältnismäßig kleinen Werkhalle positioniert und montiert werden. Nach knapp zwei Monaten teils nervenaufreibender Montagearbeit konnte die Maschine aber wie geplant am 1. Dezember in Betrieb genommen werden. „Es war ein fantastischer Anblick, die Maschine in Aktion zu sehen“, schwärmt Betriebsleiter Steffen Wätzig. „Wie sie präzise und mit einer Leichtigkeit diese massiven, 16 Meter langen Bleche biegt, das hat wirklich unsere Erwartungen übertroffen.“

Die neue 16-Meter-Kantbank erschließt Rime nicht nur einen neuen Kundenkreis, sie garantiert auch ein großes Maß an Flexibilität: Denn die VarioPress ist als Tandem-Maschine konzipiert, sie besteht also aus zwei vollkommen voneinander unabhängig einsetzbaren 8-Meter-Abkantpressen, die bei Bedarf zu einer großen 16-Meter-Kantbank synchronisiert werden können. Doch nicht nur sehr lange, auch besonders breite Bleche sind kein Problem: Die Anschläge lassen sich bis zu 2.100 mm nach hinten verschieben, sodass Rime diese Kanttiefe im Einzelbetrieb für Bleche mit einer Länge von 7.050 mm anbieten kann. Längere Bleche werden im Tandembetrieb gekantet. Die maximale Kanttiefe beträgt dann 1.005 mm.

„Es waren vor allem zwei Gründe, die uns zum Kauf einer Tandem-Maschine bewogen haben“, erläutert Frans Tollenaar die Entscheidung für das Abkant-Doppelpack. „Zum einen ist unsere Halle schlicht zu niedrig für eine 16-Meter-Einzelmaschine. Zum anderen – und dieser Grund ist noch wichtiger – haben wir, wenn wir besonders schnell Teile bis zu acht Metern produzieren wollen, zwei Maschinen zur Verfügung und nicht nur eine.“ Doch er fügt gleich augenzwinkernd hinzu: „Was aber nicht heißt, dass wir nicht trotzdem schon an eine richtige 16-Meter-Maschine denken.“

Doch die große Flexibilität ist nicht der einzige Vorteil der Variopress, auch die Ausstattung kann sich sehen lassen. EHT-Vertriebsleiter Holger Ebin erklärt ein besonderes Highlight der Presse: „Für eine solch große Maschine stellt der Werkzeugwechsel immer eine große Herausforderung dar, sowohl was die zeitlichen als auch die Kraftressourcen betrifft. Aus diesem Grund haben wir ein besonderes Werkzeug-Schnellwechselsystem entwickelt. Dieser EHT-Toolshuttle erleichtert die Ausrüstung der Maschine mit den unterschiedlichen Stempeln und Matrizen enorm. Mit wenigen Handgriffen und geringem Kraftaufwand gleiten die Werkzeuge einfach und schnell an ihren Platz.“

Die neue Variopress ist nicht die erste Maschine, die sich Rime von dem bereits seit 1771 bestehenden Traditionsunternehmen EHT hat planen und bauen lassen. „Ich habe bei einigen Herstellern angefragt, die Konkurrenz war groß. Aber letztlich hatte EHT die besten Karten“, erklärt Frans Tollenaar die Entscheidung für die Baden-Württemberger. „Wir haben sehr gute Erfahrungen gemacht, unsere EHT-Maschinen leisten hervorragende Arbeit und sind sehr zuverlässig. Außerdem ist die Kompetenz der Ansprechpartner bei EHT außergewöhnlich hoch.“

Gemeinsam haben die Riesaer und Teninger die VarioPress exakt nach den Bedürfnissen von Rime geplant und konstruiert. „Wir haben bewusst in das Werkzeug-Schnellwechselsystem investiert, auch die Anschlagsystematik ist ziemlich ausgeklügelt“, erzählt der Rime-Geschäftsführer. „Die Abkantpresse ist jetzt so aufgebaut, dass sie möglichst flexibel, genau und präzise in kleinen Serien abkanten kann – also genau so, wie wir es wollen.“

Schnell, schneller, Rime.

Beim Betreten der Werkhalle wird sofort deutlich, dass die zwei neuen Blechbearbeitungsriesen die logistische Herausforderung potenzieren. Komplexe Krankonstruktionen durchziehen das Gebäude, Bleche jeder Größe und Dicke liegen in hohen Stapeln auf dem Hallenboden und werden in konzentrierter Millimeterarbeit auf und in den Maschinen positioniert.

Dennoch ist es für Frans Tollenaar essentiell, dass die Aufträge nach wie vor schnell abgewickelt werden und die Produktion keinesfalls ins Stocken gerät: „Wir freuen uns natürlich sehr über unsere neue VarioPress. Aber eine einzige Maschine wird sicherlich nie ein Alleinstellungsmerkmal sein. Eine kluge Maschinenkombination ist schon etwas besser. Was uns aber heraushebt, ist die Geschwindigkeit, mit der wir produzieren, und dies bei einem sehr breit gefächerten Leistungsspektrum. In Zukunft wollen wir sogar noch mehr anbieten können.“ Dabei sollen die Prozesse und Abläufe noch schneller und schlanker werden.

Tollenaar sieht sein Unternehmen auf einem hervorragenden Weg. Wie die organisatorischen Strukturen und Abläufe bei Rime aber genau aussehen, das möchte Tollenaar verständlicherweise nicht verraten:

„Betriebsgeheimnis“, erklärt er lächelnd. Und bei einer solchen Erfolgsgeschichte gehört das gut beschützt.