Bewusstlos überleben?

Editiorial

»Nötigung macht erfinderisch. Kostendruck beschleunigt den Fortschritt. Klientelismus führt zu Stillstand.«

15. Oktober 2013

Unsere Kinder sind uns das Wichtigste. Sagen wir. Für sie täten wir alles. Glauben wir. Sie sollen es ein mal besser haben. Hoffen wir. Und die Wirklichkeit? Die biegen wir uns so zurecht, dass sie zu unserem Lebensstil passt. Ideologie nennt man so was. Das Sein bestimmt das Bewusstsein.

Und das Sein der meisten von uns ist ausgerichtet auf ungehemmten Hedonismus, auf Deutsch: Spaß an der Freud. Und am Geld. Um darauf nicht verzichten und trotzdem unser Gewissen nicht unnötig belasten zu müssen, ignorieren wir drohende Gefahren oder (er)finden die absonderlichsten Ausreden. Das Bewusstsein lässt sich offensichtlich partiell und temporär abschalten. Im Zustand solcher Bewusstlosigkeit kommt man ja auch einfacher durchs Leben, weil man subjektiv nichts falsch macht.

Ich bekenne mich schuldig: Ich fahre viel zu schnell. Dafür verzichte ich auf Reisen, Holzkohle, Fisch aus Mittelmeer und Nordsee, und mein Haus wird bald 80 Prozent weniger Brennstoff brauchen, im Garten blühen Blüten statt steriler Buntheiten. Trotzdem: Als Vorbild tauge ich nicht. Zwischen Anspruch und Wirklichkeit klafft eine riesige Lücke. Und das geht fast allen so.

Selbst wer begriffen hat, was wir seit Jahrzehnten wissen müssten, findet die beste Begründung fürs Unterlassen überhaupt: die anderen. Was nützte es, wenn ich langsamer fahre, aber die Chinesen Was nützte es, wenn wir den Fischfang beschränken, aber die Koreaner … Was nützte es, wenn wir Treibhausgas-Emissionen sanktionieren, aber die Amerikaner …?

Es gibt keine kollektive Vernunft – behaupten Optimisten. Weil es keine individuelle Vernunft gibt, antworten Zyniker (Realisten?): Die kollektive Vernunft sei die Vereinigungsmenge der individuellen ›Vernünfte‹. Aber wo nichts ist

Der Straßenverkehr, speziell auf der Autobahn, ist oft symptomatisch für das menschliche Verhalten schlechthin. Ein Beispiel: Die ›intelligente Verkehrsführung‹ weist auf einen Stau hin und senkt schrittweise die erlaubte Höchstgeschwindigkeit: An 120 halten sich noch die meisten einigermaßen, an 100 viele, an 80 nur noch ganz wenige, an 60 – bloß ich. Obwohl wir wissen, dass wir in ein paar Hundert Metern stehen werden, und obwohl wir wissen, dass, hielten wir uns an die errechneten Limits, vielleicht gar kein Stau entstünde, wollen fast alle als erste drinstecken.

Soweit das Modell, und jetzt das richtige Leben: Obwohl wir seit Jahrzehnten wissen, dass alle irdischen Ressourcen früher oder später zu Ende gehen, unternehmen wir kaum etwas, um den Verbrauch zu bremsen. Im Gegenteil: Die Zahlen werden von offizieller Seite methodisch heruntergerechnet. Zumindest behauptet das der australische Wissenschaftler Tommy Wiedmann, ignoriert von den deutschen Medien.

Nur, was nützt es, wenn Deutschland den Weltmusterknaben gibt und seine Industrie mit höheren Strompreisen belastet, dafür die anderen (!) ihren Strom, ihren Stahl, ihr Alu billiger verkaufen können? Nun, es veranlasst die betroffenen Unternehmen, entweder ihre Produktionsstätten zu verlagern oder zu verbessern. In vermeintlich billigere Länder auszuweichen wäre zumindest im Falle Stahl unsinnig, so lange die Hauptabnehmer in Deutschland bleiben; Stahl ist einfach zu schwer für den Überland-Transport über weite Strecken. Nötigung dagegen macht erfinderisch.

Je höherwertige Werkstoffe hierzulande produziert – und verbraucht – werden, desto geringer die Bedeutung der Produktionskosten. Deshalb ist es für Deutschland mehrfach essenziell, den Treibstoffverbrauch der Fahrzeuge zu senken. Denn eine Voraussetzung dafür ist die Gewichtsreduzierung, und die erfordert hochfeste Werkstoffe, im Fokus auch dieser Ausgabe der bbr. Diese Werkstoffe werden – neben Skandinavien – vor allem in Mitteleuropa entwickelt und produziert. Ist es dann sinnvoll, wenn sich ehemalige Umweltminister weiter gegen eine Senkung der Flotten-›Verbräuche‹ wehren – im nachweislich irrigen Glauben, deutsche Autos mit weniger als 200 KW und unter zwei Tonnen Leergewicht seien unverkäuflich?

Das Ende des Abendlandes, oder zumindest des Produktionsstandortes Deutschland, wurde schon oft prophezeit: Mitte der 80er durch die Emissionsbeschränkungen für Großfeuerungsanlagen, Anfang der 90er durch den PKW-Abgaskatalysator, seit Ende der 90er durch die Energiewende und ihre Wendungen. Das Abendland hat das alles nicht nur überstanden, sondern ging sogar erheblich gestärkt, weil technologisch vorangeschritten, aus diesen Phasen hervor. Unsere Ingenieure schafften das.

Und jetzt die Verteuerung des Stroms und die Reduzierung des PKW-Flottenverbrauchs. Das Abendland wird auch diese Maßnahmen nicht nur überstehen, sondern den technologischen Vorsprung gegenüber den anderen Erdteilen noch vergrößern.

Ressourcenschonung ist ›alternativlos‹. Also müssen wir etwas ändern. Unsere Kinder werdens uns danken.

Hans-Georg Schätzl

Erschienen in Ausgabe: 06/2013