»Belastungen abbauen!«

Technik/Stahlerzeugung

Die konjunkturelle Lage der Stahlindustrie sei und bleibe fragil, behaupten die Interessenvertreter, und die Lage einiger Hersteller scheint ihnen recht zu geben. Aber kommt es wirklich auf jedes Promille an?

04. Juni 2013

Während der Hannover-Messe hatte Hans Jürgen Kerkhoff, Präsident der Wirtschaftsvereinigung Stahl und Vorsitzender des Stahlinstituts VDEh, noch Bedenken, dass die Politik die unsichere konjunkturelle Lage der Stahlindustrie noch weiter verschärfen könnte. Solche Äußerungen waren nicht neu. Zu erahnen war aber schon, wie kritisch die Situation der deutschen Stahlindustrie seitens des Verbandes gesehen wird. Und das, obwohl die wirtschaftlichen Daten momentan auf Stabilität hindeuten.

Wie ein Damoklesschwert hing die erwartete Abstimmung im EU-Parlament über die mögliche Herausnahme von Zertifikaten aus dem Emissionsrechtehandel über der traditionellen Informationsveranstaltung der Wirtschaftsvereinigung Stahl. Hans Jürgen Kerkhoff warnte auch an dieser Stelle ausdrücklich vor dem sogenannten ›Backloading‹, also der Verknappung von CO2-Zertifikaten.

Der Grund für die intensive Warnung: Die europäische Stahlindustrie werde schon jetzt im Rahmen des Emissionsrechtehandels mit Grenzwerten konfrontiert, die außerhalb des technisch Machbaren lägen. Die europäischen Unternehmen müssten daher in erheblichem Umfang Zertifikate zukaufen. Ein hoher Zertifikatspreis verschärfe aber die Belastungen, schwäche die internationale Wettbewerbsfähigkeit und gehe zu Lasten von Investitionen. Das könne dann sogar den Klimaschutz betreffen. Außerdem untergrabe die nachträgliche Verknappung von Zertifikaten das Vertrauen in den Emissionsrechtehandel und gefährde die Planungs- und Investitionssicherheit der Industrie weiter.

Noch mal gut gegangen?

Inzwischen wissen wir, dass sich eine Mehrheit des EP gegen das von der Kommission geplante Backloading ausgesprochen hat - auch hier passt das Bild vom Damoklesschwert, das bekanntlich nie zuschlägt: Das Parlament lehnte den Vorschlag zur Änderung der Emissionshandelsrichtlinie inklusive einer Reihe von Änderungsvorschlägen des Umweltausschusses ab. Wäre dieser Vorschlag angenommen worden, hätte die Kommission einmalig in den Jahren 2013 bis 2015 insgesamt Zertifikate über 900 Mio. t CO2 zurückhalten können und erst zwischen 2019 und 2020 wieder in den Markt führen müssen. Aus Sicht der Wirtschaftsvereinigung Stahl wurde so die wirtschaftliche Lage der Stahlbranche nicht noch zusätzlich verschärft.

Doch wie ist die Lage der Branche? Die Stahlkonjunktur in Deutschland hat sich in den letzten Monaten auf verhaltenem Niveau stabilisiert. »Die Lage bleibt allerdings fragil und von der Euro-Schuldenkrise und hohen Rohstoffpreisen gekennzeichnet«, so die Einschätzung von Hans Jürgen Kerkhoff, Präsident der Wirtschaftsvereinigung Stahl. Die wirtschaftlichen Aussichten würden auch durch die unsicheren wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen eingetrübt. Gerade die aktuellen Debatten um die Energiewende oder CO2-Regulierung belasteten Investitionsaussichten und Perspektiven für die Stahlindustrie.

Die Rohstahlproduktion in Deutschland ist in den ersten beiden Monaten 2013 gegenüber dem Vorjahreszeitraum moderat ausgeweitet worden. Die Kapazitätsauslastung liegt mit 83 Prozent nach wie vor über dem internationalen Durchschnitt (78 Prozent), bleibt nun aber hinter früheren Jahren zurück. »Wir gehen davon aus, dass sich die Rohstahlproduktion 2013 mit rund 43 Millionen Tonnen in etwa auf Vorjahreshöhe (42,7 Millionen Tonnen) bewegen wird«, so der Verbandspräsident. Kerkhoff erläuterte in diesem Zusammenhang auch, dass trotz des insgesamt verhaltenen Jahresauftakts an der Konjunkturprognose vom Jahreswechsel festgehalten würde. Kerkhoff: »Grundlage unserer Prognose bildet zum einen die Erwartung, dass im zweiten Halbjahr die Konjunktur bei den Stahlverarbeitern anziehen wird.«

Zum anderen gründen sich Prognose und Optimismus auf den Lagerzyklus, weil im zweiten Halbjahr 2012 die Lagerbestände auf ein außergewöhnlich niedriges Niveau zurückgeführt wurden. Der Grund: Die zu Jahresbeginn üblichen Lagerergänzungen sind in diesem Jahr geringer ausgefallen als in den Vorjahren. So unterschritten im Februar die Lagerbestände im Distributionssektor das Niveau des Vorjahresmonats um 10 Prozent. Auch die Lagerreichweite befindet sich unterhalb des langfristigen Durchschnitts. Beides stützt die Erwartung, dass im weiteren Jahresverlauf mit deutlich weniger Gegenwind aus dem Lagerzyklus zu rechnen sei als im Vorjahr.

Trotzdem bleibt die Lage auf dem deutschen Stahlmarkt weiterhin fragil. Dabei geht das größte Risiko unverändert von der Euro-Schuldenkrise aus: Die Stimmung in der Wirtschaft hat durch die Zypernkrise bereits einen Dämpfer erhalten. Der politische Schwebezustand in Italien könnte die Zuversicht der Unternehmen längerfristig belasten. Ohne eine Rückkehr von Vertrauen werden jedoch die Investitionsgüter- und damit auch die Stahlkonjunktur nicht wieder anspringen. Außerdem gehen für die Stahlkonjunktur erhebliche Risiken von den Rohstoffmärkten aus.

Da für jede Tonne Rohstahl etwa zwei Tonnen Rohstoffe benötigt werden, haben Verteuerungen auf den Stahl-Rohstoffmärkten für jedes Stahlunternehmen gravierende Auswirkungen auf die Rentabilität: So haben sich die Rohstoffpreise nach einer leichten Entspannung 2012 in den ersten Monaten 2013 deutlich nach oben bewegt. Auch ist die Lücke zu anderen Industrierohstoffen wieder erheblich gewachsen. Bei Eisenerz sind die Spotmarktpreise seit dem Tiefpunkt im September um mehr als 50 Prozent gestiegen. Obwohl die Stahlnachfrage in Europa fast 30 Prozent unter Vorkrisenniveau liegt, stiegen die Preise für den wichtigsten Rohstoff gegenüber 2007 auf mehr als das Doppelte. In dieser Entwicklung zeigt sich, dass die Eisenerzpreise inzwischen weitgehend in Asien bestimmt werden. Sie spiegeln daher nicht die fragilen und schwierigen Marktbedingungen in Europa wider.

Keine weiteren Belastungen

Verunsicherung lösten auch die aktuellen Diskussionen zur Reform des Erneuerbare-Energien-Gesetzes aus. Während der eigentliche Kostentreiber, nämlich die Erneuerbaren Energien, aus der Diskussion ausgeklammert würde, blieben mögliche Einschnitte bei den industriellen Entlastungen auf der Tagesordnung, behauptet Kerkhoff: »Die Subventionen für die Erneuerbaren Energien sind sicher, die Perspektiven der im internationalen Wettbewerb stehenden energieintensiven Industrien sind jedoch weiter unsicher.« Im Jahr 2013 zahlen die Stahlunternehmen in Deutschland rund 260 Millionen Euro an EEG-Umlage. Würden die Entlastungen abgeschafft, wäre wettbewerbsfähige Stahlproduktion in Deutschland laut Kerkhoff nicht mehr möglich. Die EEG-Umlage hingegen bliebe hoch und würde weiter ansteigen. Eine Erhöhung der Mindestumlage um 1 ct/KWh führe in der Stahlindustrie bereits zu Zusatzkosten von rund 10 Mio. € im Jahr. Schlimmstenfalls drohten ihr sogar Mehrkosten bis 100 Mio. € im Jahr. Dies wäre eine Steigerung um fast 40 Prozent. Deshalb ist Hans-Jürgen Kerkhoff der Ansicht, dass zumindest durch die Energiewende oder den Emissionshandel keine zusätzlichen Belastungen entstehen dürfen. Kerkhoff: »In dem gegenwärtig unsicheren konjunkturellen Umfeld darf die Politik die Rahmenbedingungen für die Stahlindustrie nicht verschlechtern.«

Hans-Ulrich Tschätsch

Fachjournalist aus Essen

Sinn & Zweck

Schon lange vor Einstein wusste die Menschheit: Alles ist relativ, nicht nur die Zeit – sondern auch Geld. Ein Plus von 100 Mio. € – das klingt nach viel. Dieses Plus bezogen auf 43 Mio. t Stahl sind aber gerade einmal 2,33 €/t – über mehrere Verarbeitungsstufen. Und selbst diesen sehr unwahrscheinlichen Extremwert durch Umweltabgaben sollten die zugegeben knapp kalkulierenden Stahlwerke durch höhere Effizienz kompensieren können.

Erschienen in Ausgabe: 04/2013