Beam me up, Tube

Future

Was inspiriert eigentlich die eher konservative Bahn-Branche, die systembedingt in Jahrzehnten denkt? Anregende Ideen entdeckte bbr-Reporter Nikolaus Fecht auf der Innotrans. Sein Favorit: in Vakuumröhren fliegende Hyperloop-›Züge‹.

18. April 2017
Bayerische Innovation: Den 1.Preis für die schnellste Hyperloop-Kapsel gewann die ›Wissenschaftliche Arbeitsgemeinschaft für Raketentechnik und Raumfahrt‹ (WARR) von der TU München. Bildquelle: WARR
Bild 1: Beam me up, Tube (Bayerische Innovation: Den 1.Preis für die schnellste Hyperloop-Kapsel gewann die ›Wissenschaftliche Arbeitsgemeinschaft für Raketentechnik und Raumfahrt‹ (WARR) von der TU München. Bildquelle: WARR)

Keine Frage, Hyperloop ist ein Hypethema: In weniger als einer Sekunde findet Google 5.600.000 Einträge. Aufklärung bietet der erste (nicht werbefinanzierte) Beitrag von Wikipedia: »Der Hyperloop ist ein Konzept auf Basis des Transrapids für ein Hochgeschwindigkeitstransportsystem, das per Solarenergie elektrisch getriebene Transportkapseln wie bei der Rohrpost mit Reisegeschwindigkeiten bis etwa 1125 km/h auf Luftkissen durch eine stark evakuierte Röhre befördern soll.«

Die Idee dazu stammt von dem gebürtigen Südafrikaner Elon Musk, der zu den Gründern des Bezahlsystems Paypal gehört. Der Verkehr der Zukunft zählt zu den Hobbys des Multimilliardärs, der bereits viel Geld in sein privates Raumfahrtunternehmen Space-X und den Elektroautohersteller Tesla investiert hat. 2013 stellte er die Idee eines Hyperloop-Zuges vor, der Strecken bis 1500 Kilometer deutlich schneller als das Flugzeug zurücklegen soll.

Erster Preis für ein Team der TU München

Der Multimilliardär hat angeblich kein finanzielles Interesse, sondern setzt nur auf die Umsetzung der Idee. »Es ist ähnlich wie Linux ein offenes Entwicklungskonzept«, meinte Musk 2013. »Erwünscht ist ein Feedback der Gemeinschaft, das dabei hilft, die Konstruktion zu verbessern und das Konzept in die Realität umzusetzen.« 2015 startete seine weltweite ›Hyperloop Pod Competition‹, mit der er die Ideen von 700 Studententeams aus der ganzen Welt anzapfte. Den 1. Preis für die schnellste Bahnkapsel (Pod) gewann kürzlich die ›Wissenschaftliche Arbeitsgemeinschaft für Raketentechnik und Raumfahrt‹ (WARR) der Technischen Universität München.

Die Resonanz auf Musks Idee ist unterschiedlich: Professor Craig Hodgetts aus Los Angelos meinte, Musk habe den Verkehr neu erfunden und der Hyperloop würde langfristig andere Transportsysteme ablösen. Die Idee hält John Hansman, Direktor des MIT International Center for Air Transportation zwar für physikalisch machbar, aber auch für extrem teuer: So sieht er eine große Anzahl bislang nicht gelöster technischer Herausforderungen. Als finanziell zu teuer empfinden auch viele Experten die Stelzen-Konstruktion: So ließe sich eine Hochgeschwindigkeitstrasse wesentlich kostengünstiger auf einer ebenen Strecke realisieren.

Die Deutsche Bahn mischt mit

Doch diese Einwände schrecken Investoren nicht ab: Seit Musks Hyperloop-Offenbarung vor vier Jahren setzen etliche Unternehmen auf den hyperschnellen Stelzen-Bahnverkehr: Am weitesten fortgeschritten ist anscheinend die Hyperloop Transportation Technologies (HTT) Inc., Culver City (Kalifornien), die mit 600 Experten aus 40 Ländern Musks Idee seit 2013 in die Tat umsetzt. Zu den Sponsoren und Partnern zählen das MIT Center for Digital Business, der Vakuumexperte Oerlikon Leybold und die Deutsche Bahn.

An der Spitze des Unternehmens stehen die Gründer Bibop G. Gresta und Dirk Ahlborn, die langjährige Erfahrungen mit dem Aufbau von High-Tech-Start-ups besitzen. »Nicht Tempo, sondern Effizienz charakterisiert unser System«, meinte HTT-Vorstand Gresta gegenüber bbr auf der Bahnmesse Innotrans. »Unser Konzept der Versorgung über Solarenergie, Geothermie und Windkraft ermöglicht den negativen Energieverbrauch: Unser Hyperloop verbraucht keine Energie, sondern er erzeugt sie sogar mit Hilfe regenerativer Bremstechnik.« Eine naturwissenschaftlich interpretationsbedürftige Aussage

Die Röhren (Durchmesser: rund vier Meter) und die Pylonen sollen in kostengünstiger Hybridbauweise (etwa carbonfaserverstärkter Stahlbeton) entstehen. Die Kapseln nehmen jeweils 38 Passagiere auf, die – angetrieben von lizensierter Magnetschwebetechnik (Lawrence Livermore National Laboratory) – im schnellen 40-Sekunden-Takt mit maximal 1231 km/h fliegen.

Das Konzept kommt an: So gibt es laut HTT bereits Aufträge zum Bau von ersten Hyperloop-Verbindungen in Dubai, China und Abu Dhabi. Gut sollen auch die Chancen für eine Hyperlook-Strecke zwischen dem tschechischen Brno und der slowakischen Hauptstadt Bratislava aussehen, für die HTT eine Machbarkeitsstudie erstellt. Generell soll das Interesse – siehe Engagement der Deutschen Bahn – in Europa sehr groß sein. Daher entsteht im französischen Toulouse, dem Zentrum der europäischen Luftfahrtindustrie, das neue europäische HTT-Forschungs- und Entwicklungszentrum.

Hoch oder runter?

Und was macht Hyperloop-Visionär Elon Musk? Er scheint sich vom Stelzenbau zu verabschieden, denn im Dezember 2016 kündigte er per Twitter an: »Der Verkehr macht mich wahnsinnig. Ich werde einen Tunnel bohren!« Angeblich hat der Multimilliardär eine Tunnelbohrmaschine entwickelt, die zehnmal so schnell wie bisherige Maschinen arbeitet. Doch ob dies stimmt und ob er tatsächlich die Maschine für sein Hyperloop-Projekt einsetzen will, ist wahrscheinlich reine Spekulation. Aber es ist ihm – siehe Tesla und SpaceX – zuzutrauen.

Nikolaus Fecht Fachjournalist aus Gelsenkirchen

Erschienen in Ausgabe: 03/2017