"Bahn oder Flugzeug?" oder "Manchmal verliert man und manchmal gewinnen die anderen"

Übrigens/Prof.-Dr.W. Volk

Diesen Herbst war ich mal wieder sehr viel unterwegs, und die Reiseplanung war heuer besonders spannend. Mit meinem Sekretariat hatte ich viele Diskussionen, wie ich wohl am besten ans Ziel käme. Im netten Spiel zwischen Piloten und Lokführern haben wir manchmal hin und her überlegt, wer wohl als nächstes wieder an der Reihe ist. Bisher hatte ich in der Lotterie immer Glück und keine Verbindung und keinen Termin verpasst. Manchmal war es ziemlich knapp, aber das ist am Ende egal.

25. November 2014

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber irgendwie ist man doch eher geneigt, Sympathie mit den im Vergleich gering bezahlten Lokführern zu haben als mit den Piloten, die bei schon hohem Gehalt mit 55 in Vorruhestand gehen möchten, um ihr Erspartes dann auch noch hinreichend lang ausgeben zu können. Leider war der fade Beigeschmack bei den Lokführern, dass die eigentliche Tarifforderung gar nicht primäres Ziel des Streiks zu sein schien, sondern die Ausweitung des Einflusses und der Macht der Funktionäre im Fokus stand. Ich schreibe in der Vergangenheitsform, da ich die grundlegende Hoffnung habe, dass der Spuk bis zum Erscheinen dieser bbr vorbei ist.

Ich frage mich, warum haben wir denn mehr Sympathie mit den ›Kleinen‹? Versetzen wir uns mal in die Lage der Piloten: Seit vielen Jahren konnten die Kollegen mit 55 in den Ruhestand gehen, und nun will das Unternehmen ohne wirkliche Gegenleistung dieses Privileg streichen. Würden Sie nicht auch für Ihr ›gutes Recht‹ kämpfen? So lästige Argumente, wie »Das gibt es im Wettbewerb sonst auch nicht« oder »Ihr verdient schon mehr als die meisten eurer Kollegen« würden viele von Ihnen dann auch nicht gelten lassen und hoffen, dass durch den drohenden wirtschaftlichen Verlust allein schon wegen der Streikandrohung das Unternehmen klein beigeben wird.

Bei meinem letzten Rückflug aus Japan war der Flieger nur halb voll, was ein klares Anzeichen für diese Entwicklung war. Ich wäre auch gerne mit einer anderen Gesellschaft geflogen, aber es gab keine sinnvolle Alternative. Ich denke, dass es halt viel schmerzhafter ist, etwas weggenommen zu bekommen als etwas nicht zu bekommen, das man noch nie besessen hat.

In diesem Zusammenhang erinnere ich mich an die Führungstrainings während meiner Industriezeit. Sehr glaubhaft haben die Trainer uns an Fallbeispielen gezeigt, dass Gehaltserhöhungen und dauerhafte Vergünstigungen nur ein kurzfristiger Motivator sind und tendenziell eher dazu führen, dass die Kollegen sich immer gerne den heraussuchen, der noch mehr bekommt als vielleicht die vielen anderen, die weniger bekommen.

Anders ist es mit Einmalhonorierungen für besondere Leistungen. Wenn dieses Element sinnvoll eingesetzt wird, dann führt es zu positiven Überraschungseffekten und vor allem auch zur Freude, wenn die Chefs eine gute Leistung nicht nur mit warmen Worten, sondern auch mit etwas Zählbarem belohnen.

Also, was heißt das für unseren Tarifkonflikt bei Bahn und Lufthansa? Ein revolutionärer Ansatz wäre es doch, wenn der Pilot nach maximal weichem Aufsetzen bezahlt wird oder wir bei der Bahn für pünktliche Ankunft einen Bonus geben. In Japan funktioniert das mit den pünktlichen Zügen, und ich schließe diesmal mit einem meiner Lieblingswitze in diesem Zusammenhang: Was ist zu tun, wenn der Shinkanzen zwei Minuten Verspätung hat? Sie sollten Ihre Uhr richtig stellen.

Mit schönen Weihnachtsgrüßen und auf ein pünktliches und streikarmes Jahr 2015.

Ihr

Wolfram Volk

Erschienen in Ausgabe: 07/2014