Bachelor — in sechs Semestern zum qualifizierten Ingenieur?

Dazu Dr. Frank Stefan Becker, Senior Consultant »Siemens Generation21 Universities«, Siemens AG, München, und Prof. Dr. Horst Hippler, Rektor der Universität Karlsruhe (TH) und Präsident des Universitätsverbunds TU9.

27. November 2007

Die Industrie sucht nicht akademische Grade, sondern Problemlöser. Die nötigen Qualifikationen beschreiben zum Beispiel die Stellenanzeigen: Neben Fachkenntnissen gehören dazu Denkvermögen, Methodenkompetenz, Charakterqualitäten, Selbstorganisation und so­ziale Kompetenz. Die Gewichtung hängt von der jeweiligen Stelle ab. Für stark forschungsorientierte Aufgaben, die bisher einen fachlich intensiv aus­gebildeten Universitäts-Diplomingenieur erforderten, wird in Zukunft in der Regel ein Master eingestellt werden. Nur sollte die Zahl dieser Positionen nicht überschätzt werden: Bei Siemens lagen z.?B. im Oktober 2007 von den rund 3.500 offenen Stellen 15 Prozent im Bereich Forschung und Entwicklung. Das heißt, die meisten der infrage kommenden Stellen erfordern zwar Denkvermögen und eine fachliche Basis, dazu aber auch Praxisfähigkeiten, die nur beschränkt an einer Universität erlernt werden können. Wie berufsbefähigend ein kürzeres Stu­dium sein kann, zeigen die Fachhochschulen, die gut 60 Prozent der deutschen Diplom-Ingenieure ausbilden. Siemens hat hier mit Bachelors mit sechs Theoriesemestern sehr gute Erfahrungen gemacht. Für die richtigen Aufgaben kann auch ein denkfähiger Uni-Bachelor berufsbefähigt sein. _

Dr. Frank Stefan Becker

Für Politiker ist das reizvoll: Mit dem Bachelor hoffen sie, nach drei Jahren Ausbildung berufsqualifizierte Ingenieure zu bekommen. Das Studium zum Diplom-Ingenieur dauert fünf Jahre. Die Länder sparen beim Bachelor als Qualifikationsziel also zwei Jahre Finanzierung je Studienplatz. Das zieht einen gravierenden Verlust an Qualität der deutschen Ingenieurausbildung nach sich. Ein Erfolgsmerkmal des Qualitätssiegels ›Dipl.-Ing.‹ ist, dass die Studierenden profunde Kenntnisse in Mathematik und Naturwissenschaften erwerben. In studienbegleitenden Projekten sammeln sie wertvolle Praxis­erfahrungen. Wenn davon zwei Studienjahre abgeschnitten werden, kann am Ende nicht das gleiche Qualifikationsprofil wie bei einem ›Dipl.-Ing.‹ erreicht werden. Forschen kann ein Bachelor-Absolvent nicht: An der Universität fehlt ihm die Zeit dazu und später im Unternehmen das Know-how. Berufsqualifizierender Nachfolger für den ›Dipl.-Ing.‹ kann daher nur ein konsekutiver, fünfjähriger BA/MA-Studiengang sein. Hier wird sich entscheiden, ob Deutschland ernsthaft den Ingenieur-Mangel beheben will. Denn um den Spareffekt zu realisieren, soll der Übergang von Bachelorabsolventen zum Masterstudium mit niedrigen Quoten eingeschränkt werden. Das ist grundfalsch! _

Prof. Dr. Horst Hippler

Erschienen in Ausgabe: 08/2007