Aufsichtsräte verdienen 25 Prozent mehr

Das Einkommen deutscher Aufsichtsratschefs ist seit 2011 um 25 Prozent auf durchschnittlich 188.000 € gestiegen. Damit liegen die Vorsitzenden im europäischen Vergleich auf dem sechsten Platz. Platz eins belegt Deutschland beim Gehaltsunterschied zwischen männlichen und weiblichen Aufsichtsräten: Männer verdienen ein Viertel mehr als ihre weiblichen Kolleginnen – von denen es kaum mehr im Aufsichtsrat gibt als 2011: Waren vor fünf Jahren fast 90 Prozent der Aufsichtsräte männlich, sind es heute 80 Prozent. Das ist das Ergebnis von Korn Ferry zur Vergütung und Zusammensetzung europäischer Aufsichtsräte.

05. September 2016

Die Vergütungstabelle für Aufsichtsratsvorsitzende führt die Schweiz mit rund 950.000 € an, gefolgt von Großbritannien (460.000 €), Italien (238.000 €), Frankreich (250.000 €), Schweden (197.000 €) und Deutschland (188.000 €). Auf den letzten Platz kommt Österreich (30.000 €).

Im Durchschnitt verdient der Chef eines Aufsichtsgremiums in Europa rund 250.000 €, ein einfacher Aufsichtsrat 69.000 €. Bei letzterem ist Deutschland überdurchschnittlich. Wer hier Aufsicht über ein Unternehmen führt, erhält als Vergütung durchschnittlich 90.000 €. Das ist eine Steigerung um 50 Prozent in den vergangenen fünf Jahren.

Im Europavergleich keine Spitzenvergütung

„Deutsche Aufsichtsräte erhalten nach wie vor keine Spitzenvergütung“, sagt William Eggers, Senior Vice President von Korn Ferry Hay Group. „Aber eine Steigerung, insbesondere bei den ordentlichen Mitgliedern, ist festzustellen. Im Hinblick auf einen immer umfangreicheren Verantwortungsbereich von Aufsichtsräten erscheint das gerechtfertigt.“

Hubertus Graf Douglas, Geschäftsführer von Korn Ferry Deutschland: „Die Geschwindigkeit, in der sich unternehmerische Rahmenbedingungen ändern, stellt Unternehmen vor neue Herausforderungen. Gleichzeitig erhöht sich die Komplexität aufgrund von Vernetzung, Digitalisierung Globalisierung. Das Risiko von Fehlentscheidungen steigt exponentiell.“ Eine Situation, die insbesondere die heutigen Aufsichtsräte fordert.

Allerdings kann sich die Zusammensetzung und Auswahl von Kandidaten für deutsche Aufsichtsräte immer noch nicht mit der Professionalität der Schweizer oder Briten messen. Dort wird intensiv auf Kompetenzen und Profil geachtet, die Auswahlverfahren sind hart. Auch die Befugnisse der Aufsichts- und Verwaltungsratschefs sind viel umfassender.

Und so decken 100 Prozent der deutschen Aufsichtsgremien Audit ab, 97 Prozent die Nominierung von Spitzenpersonal in den Unternehmen und 70 Prozent übernehmen Verantwortung für das Vergütungsmodell der Top-Manager. Nur 17 Prozent der Befragten haben auch ein funktionelles Gremium für Unternehmensrisiken eingerichtet. In Italien gehört das bei 83 Prozent der Aufsichtsräte zum Tagesgeschäft, in der Schweiz immerhin bei 30 Prozent und in Großbritannien bei 29 Prozent.

William Eggers erklärt: „Dieses Ergebnis hat mich überrascht. Denn die Risiken für Unternehmen sind nicht kleiner, sondern deutlich größer geworden. Ich halte es für obligatorisch, Risiken auch in jedem Aufsichtsrat fest zu verankern.“

Frauenquote kaum gestiegen

In keinem Land in Europa verdienen Männer in Aufsichtsräten so viel mehr als Frauen: 25 Prozent Gehaltsunterschied in Deutschland steht einem europäischen Durchschnittswert von acht Prozent gegenüber. Neben Deutschland liegen darüber Frankreich (16 Prozent), Italien (zehn Prozent) sowie Großbritannien, Schweiz und Norwegen (je neun Prozent). Keinen Unterschied gibt es in Spanien.

„Neben kulturellen Hintergründen ist der Unterschied vor allem mit der Besetzung der Chefposten von Aufsichtsräten begründbar“, sagt William Eggers. „Nach wie vor sind europaweit 97 Prozent der Vorsitzenden männlich. Und diese verdienen bis zu 4,5 mal mehr als ordentliche Mitglieder.“

Von der durch die Bundesregierung vorgegebenen Quote von 30 Prozent weiblicher Aufsichtsrätinnen ist Deutschland noch weit entfernt. Waren 2011 knapp zehn Prozent der Aufseher weiblich, sind es heute nicht ganz 20 Prozent. William Eggers: „Länder wie Italien haben vorgemacht, wie ein echter Kurswechsel funktioniert. Dort ist die Frauenquote von fünf Prozent auf mehr als 25 Prozent gestiegen.“ Noch weniger Frauen als im deutschen Aufsichtsrat gibt es nur in Österreich, Spanien, Belgien und der Schweiz.

Im deutschen Aufsichtsrat sitzen vor allem Deutsche

Noch schlechter schneidet Deutschland beim Nationalitätenmix im Aufsichtsrat ab. Fast 75 Prozent der Aufsichtsräte sind Deutsche, weniger als zehn Prozent kommen von außerhalb Europas. Weniger interkulturelle Durchmischung kennt nur Großbritannien mit fast 80 Prozent. Durch besondere Internationalität zeichnen sich die Schweiz und die Niederländer aus.

Weniger als 40 Prozent der Verwaltungsräte in der Schweiz sind selbst Schweizer, je ein Drittel kommt aus Europa oder von einem anderen Kontinent. In den Niederlanden sind 50 Prozent der Board-Mitglieder auch Niederländer, knapp 20 Prozent Europäer und mehr als ein Drittel kommen aus dem nicht-europäischen Ausland.

Hubertus Graf Douglas: „Obwohl die deutsche Wirtschaft sehr international ist, bedienen sich unsere Unternehmen wenig aus dem Ausland. Doch als Exportnation sind wir gerade darauf angewiesen. Auch weil sich in Amerika Trends abzeichnen, bei denen wir aktuell kaum mithalten können – zum Beispiel die Digitalisierung. Unseren Aufsichtsräten würde mehr Internationalität gut tun, damit die Unternehmen technische Vorreiter und keine Nachzügler sind.“