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Antriebsalternativen zum Verbrenner: Zu wenige Unternehmen nehmen Fahrt auf

Auf dem Pariser Autosalon fand kürzlich die erste binationale Konferenz zur Elektromobilität statt. Die IAA Nutzfahrzeuge 2018 stellte Alternativantriebe in den Fokus. Und der VDMA präsentierte im Frühjahr die Studie ›Antrieb im Wandel‹. Elektromobilität und andere Antriebsalternativen zum Verbrennungsmotor sind Trendthemen – aber zu wenige Industrieunternehmen nehmen tatsächlich Fahrt in diese Richtung auf. IBU-Geschäftsführer Bernhard Jacobs sprach darüber mit Adolf Edler von Graeve, früherer Geschäftsführer der Bruderer GmbH und Gründer des KIST Kompetenz- und Innovationszentrum für die Stanztechnologie Dortmund e. V.

07. November 2018
KIST-Gründer Adolf von Graeve versucht, die seiner Meinung nach verschlafene Fahrzeugindustrie – vom KMU bis zum OEM – zu wecken. Bild: IBU
KIST-Gründer Adolf von Graeve versucht, die seiner Meinung nach verschlafene Fahrzeugindustrie – vom KMU bis zum OEM – zu wecken. (Bild: IBU)

Die Unternehmen der Blech umformenden Industrie registrieren eine gute Auftragslage, die konjunkturelle Nachfrage stimmt. Aber in Sachen E-Mobilität & Co. haben noch nicht alle Unternehmen ihre Hausaufgaben erledigt.

Ja, dabei ist es gerade in erfolgreichen Zeiten wichtig, Reserven aufzubauen und die Weichen für die Zukunft zu stellen.

Einfach ist das allerdings nicht. In der Elektromobilität ist die Produktseite schon klar erfassbar, aber die Nachfrageentwicklung noch offen. Umso entscheidender ist es für Unternehmen, den Wandel im Blick zu haben, Herausforderungen jetzt anzugehen und nichts zu verschieben. 

Sie haben schon im letzten Jahr zum Stanzkongress einen ›Weckruf‹ gestartet. Wen wollten Sie wecken?

Deutsche Automobilhersteller haben es versäumt, mit unternehmerischem Weitblick Alternativantriebe voranzutreiben. Dabei sind wir rund um die Batterieentwicklung gut positioniert, die Fraunhofer-Gesellschaft beforscht die Brennstoffzellentechnik seit Jahren exzellent. Wir haben gute Voraussetzungen, aber eine zögerliche Umsetzung. Diese Verzögerung setzt sich in der Zulieferkette fort, auch dort bleiben wir unter unseren Möglichkeiten. Das magische Datum 2030 als Zeitenwende scheint auf manche wie eine Beruhigungspille zu wirken. Noch nutzen zu wenige Aktive die in Wirklichkeit knappe Zeit zur Umstellung.

Worum geht es Ihnen – um das Wandeltempo oder um die Neuausrichtung der Produkte?

Tempo und Veränderungsbewusstsein sind gefragt. Maßgeblich ist eine Kultur der Offenheit und Neugierde – plus Kommunikation. Der erfolgreiche Unternehmer weiß, dass er Ziele nur im engen Kundenkontakt und mit qualifiziertem Personal erreicht.

Offenheit und Neugierde – heißt das zugespitzt: Veränderung vor Profitabilität?

Beides gehört zusammen. Nachhaltige Profitabilität ist eine unternehmerische Verantwortung und Voraussetzung für die erfolgreiche Marktteilnahme. Mit immer gleichen Produkten und Verfahren ist Profitabilität auf Dauer nicht erreichbar, dazu gehören auch Veränderung und Anpassung. Aber es gibt keine generelle Strategie – mir sind aktuell zu viele Propheten unterwegs, die solche verkünden. Jedes Unternehmen muss seine individuellen Möglichkeiten ausloten und Marktnischen bedienen.

Wie sollen Sie den Wandel organisieren– in der Linie oder in Projektteams?

Interdisziplinäre Projektteams sind bei größeren Unternehmen sinnvoll. In mittelständischen Betrieben kann auch der Assistent der Geschäftsführung als Change-Beauftragter fungieren. Entscheidend ist eine realistische Bestandsaufnahme der Istsituation. Diese Aufgabe ist dauerhaft und nah an der Geschäftsführung anzusiedeln. Externe Berater und Netzwerke leisten ebenfalls gute Unterstützung. Von anderen zu lernen, ist ausdrücklich erwünscht.

E-Mobilität braucht das Know-how von Fachkräften – die aber fehlen. Wie können Unternehmen kompetente Mitarbeiter und Auszubildende langfristig binden? 

Zunächst vorweg: Die Abwerbung von Mitarbeitern ist eine Unart, ein unfaires Verhalten unter Marktbegleitern. Verhindern kann gerade der Mittelstand so etwas über seinen Wohlfühlfaktor. Er muss Auszubildende positiv in die Betriebsgemeinschaft integrieren. Dabei hilft die fachliche Betreuung und verstärkte Hilfestellung der Ausbildungsleiter. Ein anderes Thema sind übertarifliche Sondervergütungen, wie wir sie aus der dualen Ausbildung kennen. Sie führen zu einer vertraglich festgelegten Bindung. Unternehmen sollten solche Modelle prüfen und gegebenenfalls übernehmen. Auch betriebsübergreifende Maßnahmen sind sinnvoll.

Hintergrund 

Adolf Edler von Graeve ist Gründer des KIST Kompetenz- und Innovationszentrum für die StanzTechnologie Dortmund e.V. Der Stanzexperte trat 1966 in die Bruderer AG in Frasnacht in der Schweiz ein und gründete vier Jahre später die Bruderer Deutschland GmbH in Dortmund, der er von 1970 bis 2005 als geschäftsführender Gesellschafter vorstand. In dieser Zeit entwickelte sich Bruderer in wichtigen Hightech-Branchen zum Weltmarktführer.

Das KIST Kompetenz- und Innovationszentrum für die StanzTechnologie Dortmund e.V. wurde 2006 in Betrieb genommen. Dieses Schulungszentrum ist in seiner Art einmalig in Europa, wurde ESF-gefördert und als innovatives Modellprojekt von der EU anerkannt. Mit seinem Schulungsprogramm hat das KIST ein Angebot geschaffen, um die Wettbewerbsposition in Metall verarbeitenden Betrieben der Stanz- und Umformtechnik zu verbessern und Unternehmen bei der Lösung produktionstechnischer Fragen zu unterstützen. Im Mittelpunkt der Arbeit steht die Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit durch eine gezielte Aus- und Weiterbildung von Mitarbeitern in Metall verarbeitenden Betrieben, insbesondere Stanz- und Umformbetrieben.

Erschienen in Ausgabe: 07/2018