Am Seile hängt fast alles

Draht/Seile

Viele Drahtseile wirken sehr unauffällig, andere beeindrucken bereits durch das Umfeld, in dem sie eingesetzt werden. Nehmen wir uns ein wenig Zeit für Drahtseil-Geschichte(n)!

01. März 2012

Zu den Eigenschaften von Drahtseilen gehört eine hohe Belastbarkeit verbunden mit Flexibilität und Elastizität sowie eine hohe Verschleißfestigkeit und gute Dauerbiegewechseleigenschaften. Je nach Einsatzgebiet werden auch Seile aus bestimmten Nichteisen-Metallen und anderen Werkstoffen eingesetzt.

Ein Drahtseil entsteht, wenn man kaltgezogene Stahldrähte wendelförmig umeinander ›schlägt‹, wodurch eine Litze entsteht, und mehrere Litzen auf ähnliche Weise um ein zentrales Element, die ›Seele‹, verseilt. Um voll einsatzfähig zu sein, muss ein Seil noch mit Endbeschlägen versehen sein.

Erfindung aus der Biedermeierzeit

Das Drahtseil wurde im Jahr 1834 vom Oberbergrat Julius Albert in Clausthal erfunden, der auch die Seilforschung begründete. Er suchte nach Ersatz für die damals im Bergbau verwendeten Förderketten, die durch das ständige Auf- und Abrollen stark belastet wurden und beim Bruch des sprichwörtlich schwächsten Gliedes total versagten – teilweise mit katastrophalen Folgen.

Das von Albert entwickelte erste Drahtseil bestand aus drei Litzen zu je vier Drähten von je 3,5 mm Durchmesser und hatte einen Gesamtdurchmesser von etwa 18 mm. Es bot die sechsfache Tragkraft eines Hanfseiles gleichen Durchmessers und die vierfache Tragkraft einer achtmal so schweren Kette. Am 23. Juli 1834 wurde es in einem 484 m Bergwerksschacht in Clausthal erfolgreich erprobt.

Typisch und spektakulär

Bekannte Einsatzgebiete für Drahtseile sind Hebe- und Förderanlagen. Drahtseile sind auch unverzichtbar für den Ausbau der Stromversorgung, zum Beispiel, um Masten für Überlandleitungen aufstellen, Übertragungsleitungen aufziehen und Rotorblätter an Windkraftwerken anbringen zu können. Dünne Stahlseile werden oft eingesetzt, um Schalt- und Sicherheitsfunktionen in technischen Bauteilen flexibel und sicher einzuleiten.

Ein Beispiel sind die ›Bowden-Züge‹ an Zweirädern als Zugseile für Schalt- oder Bremsvorgänge. Sonnenschutz-Markisen und Kopiergeräte funktionieren mit ihnen, Förderbänder werden durch eingearbeitete Feindrahtseile verstärkt, und einige große Bauwerke werden von Seilen aus Stahldrähten gehalten. Eines der bekanntesten – neben etlichen Brücken – dürfte das Riesenrad auf dem Wiener Prater sein.

Rettung am Seil

Im Oktober 2010 wurden 33 in einem chilenischen Bergwerk verschüttete Bergleute nach wochenlangem Ausharren in einem Aufenthaltsraum im Berginneren auf spektakuläre Weise gerettet. Die Rettung erfolgte mit einer Bergungskapsel, die am Seil einer Winde befestigt war und durch einen speziell gebohrten Schacht zu dem Aufenthaltsraum abgelassen wurde. Mit der Fertigung des 1000 m langen Drahtseils war ein österreichischer Hersteller beauftragt worden, der umgehend alles in Bewegung gesetzt hatte, um so rasch wie möglich das Spezialseil zu fertigen und per Luftfracht nach Chile zu bringen. Das Seil musste drehungsfrei sein, weil die Kapsel sich beim Bergungseinsatz auf keinen Fall drehen sollte. Gefertigt wurde es mit einer speziellen Technik, bei der die Seele mit Kunststoff umspritzt wird.

Seilbahnen und Seilbauwerke

An Hängeseilbahnen kann man die Funktion und Bedeutung von Drahtseilen als Trag- wie Zugelement gut beobachten. Als Attraktion der Bundesgartenschau 2011 in Koblenz wurde eine Seilbahn installiert, die das Deutsche Eck über den Rhein hinweg mit der Festung Ehrenbreitstein verbindet. Die von einem Schweizer Unternehmen hergestellten Tragseile haben einen Durchmesser von nur 54 mm, genauso wie das Tragseil des oberen Abschnitts vor der in 3778 m Höhe gelegenen Bergstation der Seilbahn, die zur Aiguille du Midi am Mont-Blanc-Massiv hinaufführt.

Dieser Streckenabschnitt überwindet bei einer freien Spannweite von 2867 m einen Höhenunterschied von 1500 m und gilt als steilste Seilbahnstrecke der Welt. Das Seil trägt eine Kabine, die 65 Passagiere transportieren kann. Drahtseile revolutionierten auch die Architektur, vor allem den Brückenbau. Hängebrücken wie die Golden Gate Bridge in San Francisco, Schrägseilbrücken wie die Köhlbrandbrücke in Hamburg und der Viaduc de Millau in Südfrankreich, mit 2460 m die längste Brücke ihrer Art, und unter Einbeziehung von Drahtseilen gebaute Bogenbrücken wie die Fehmarnsundbrücke und die Sydney Harbour Bridge sind herausragende Beispiele.

Doch auch das transparente Dach des Münchner Olympiastadions, das rasch zu einem der Wahrzeichen der Stadt wurde, wird von Drahtseilen gehalten. In den beiden letztgenannten Fällen besteht die Möglichkeit, in einer kleinen, von einem Fachmann – oder einer Fachfrau – geführten Gruppe auf schwindelerregende Höhen zu steigen – abgesichert nur durch ein unscheinbares Seil aus Stahldraht Interessante Beiträge über Drahtseile enthält auch die Internet-Seite des Drahtseil-Spezialisten Roland Verreet, von der einige der Informationen in diesem Beitrag stammen.

Erschienen in Ausgabe: 02/2012