60 Jahre Hightech

Fokus | Jubiläum

Otto Bihler war ein Pionier, wie er im Buche stand: In seiner Allgäuer Heimat schuf er aus einer winzigen Werkstatt ein weltumspannendes Unternehmen. Eigentlich ein typisch amerikanischer Traum

26. November 2013
Bildquelle: Bihler
Bild 1: 60 Jahre Hightech (Bildquelle: Bihler)

Otto Bihler, 1926 in Füssen geboren, ging Anfang der 50er-Jahre zunächst in die Schweiz, um sich dort als Facharbeiter das Startkapital für ein eigenes Unternehmen zu verdienen. Bei seinem damaligen Arbeitgeber lernte er bald die Problematik der Federnherstellung kennen. Für einen Mann wie Otto Bihler sind Probleme dazu da, gelöst zu werden. Also begann er, unterstützt vom Kollegen und Freund Eduard Brüller, einen eigenen Federwindeautomaten zu entwickeln.

Gut vernetzt

Zurück in Füssen, gründete er 1953 zunächst im Nebenraum einer Autowerkstatt einen Ein-Mann-Handwerksbetrieb zur Herstellung von Federn und Vorrichtungen für die Federherstellung. Mehrfach stand der Jungunternehmer in den 50er-Jahren kurz vor dem Ruin, doch immer wieder fand er das Vertrauen von Freunden, die ihm mit Investitionen und Beteiligungen zur Seite standen.

Einer dieser Freunde war der Sägewerksbesitzer Martin Niklas, den Otto Bihler vom Ski- und Motorradfahren her kannte und der ihm den Fortbestand der immer noch kleinen Werkstatt ermöglichte. Immerhin war der Betrieb in den ersten drei Jahren auf acht Mann angewachsen, aber jeder Tag war ein Kampf ums Überleben.

Dennoch hatte Otto Bihler die Kraft und die Zeit gefunden, an seinen Entwicklungen weiterzutüfteln. Bereits 1953 war der erste Federwindeautomat UFA 1 entstanden. Doch damit nicht genug: Otto Bihler und Eduard Brüller hatten auch an einem Stanz- und Biegeautomaten gearbeitet: 1956 baute man die erste RM 25, und 1957 war sie reif, der Öffentlichkeit vorgestellt zu werden. Ein Gag am Rande: Die Maschine war zweigeteilt, damit sie durch die Türe der Werkstatt passte.

Mit der letzten Mark auf die Hannover Messe

Die Öffentlichkeit, das war für Industrieunternehmen auch damals schon die Hannover Messe. Problem: Das Geld war wieder einmal knapp im Hause Bihler, und alle Beteiligten kratzen ihre letzte Mark zusammen, um die Messebeteiligung mit dem Universalfederautomaten und der Radialmaschine zu ermöglichen.

Die Messe war ein Riesenerfolg. Und weil Otto Bihler nicht nur ein begnadeter Techniker, sondern auch ein geschickter Kaufmann war, folgte der Preis konsequent der Nachfrage: Kostete die RM 25 am ersten Messetag noch 7000 DM, wurde sie jeden folgenden Tag um jeweils 1000 DM teurer.

Die Ernüchterung folgte auf den Fuß – heißt nach der Rückkehr: Trotz des beeindruckenden Bestelleinganges wollte keine Bank mitspielen – ein Problem, das auch heutige Start-upper nur zu gut kennen.

Wieder sprang Martin Niklas ein: Er stellte Otto Bihler ein Grundstück in Halblech und finanzielle Mittel für den

Aufbau eines Betriebs zur Verfügung. 1958 – die Belegschaft zählte inzwischen 18 Mann – konnte dort die Produktion gestartet werden. Gleichzeitig begann das Unternehmen mit der Ausbildung junger Menschen zu Werkzeugmachern, Maschinenschlossern, Elektrikern, Technischen Zeichnern und Industriekaufleuten. Noch heute zeichnet die Otto Bihler Maschinenfabrik eine hohe Ausbildungsquote von über zehn Prozent aus.

Wachstum in alle Richtungen

In den folgenden Jahren und Jahrzehnten wuchs das Unternehmen ständig weiter. Und immer mehr Technologien wurden in die BihlerAutomaten integriert: Auf der Basis der RM- und GRM-Reihen (Große Radialmaschine) entstand Mitte der 60er-Jahre das Bihler-Baukastensystem mit Schweißen und Montieren und mit der Mach-1 durchbrach man erstmals die ›Schallmauer‹ von 1000 Teilen pro Minute. 1983 wurde eine weitere Grenze durchbrochen: Zu den Radialmaschinen gesellte sich das lineare Bearbeitungszentrum BZ für die effiziente Baugruppenfertigung. 1993 kam das Flexible Montagesystem FMS hinzu.

Das Jahr 2000 bringt aus Sicht von Bihler eine Revolution: Die Bimeric wird nicht mehr von Kurvenscheiben angetrieben, sondern per NC-Technik und Servoantrieb. Das ist aber noch nicht das Ende der Kurvenscheibe, wie zum Beispiel das Umformcenter Combitec CC1 von 2005 oder der Stanz-Biege-Automat GRM 80P von 2006 beweisen. Zu den jüngsten Modellen von Bihler gehören die Stanz-Biege-Automaten RM-NC und GRM-NC.

Ein erfülltes Leben

Doch zurück zu Otto Bihler: Für seine Verdienste um die Bundesrepublik Deutschland wurde der erfolgreiche Unternehmer 1989 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

Leider war ihm kein langes Leben vergönnt: Mit 68 starb er 1995 völlig unerwartet beim Motorschlittenfahren. Sein Motto »Du kannst nur auf dem Markt bestehen, solange du der Beste bist.« lebt in der Otto Bihler Maschinenfabrik bis heute fort.

Heute, das heißt über 900 Mitarbeiter weltweit sowie Niederlassungen und Partner auf allen Kontinenten. Geleitet wird das Unternehmen von Otto Bihlers Sohn Mathias.

Hans-Georg Schätzl

Zahlen & Fakten

Weit über 12000 kundenspezifische Fertigungslösungen hat Bihler seit seiner Gründung erfolgreich realisiert – und das für unterschiedlichste Industriezweige wie die Automobilindustrie, die Elektro- und Elektronikindustrie, die Medizintechnik, die Schmuck-, Federn- und Drahtindustrie, die Kommunikationstechnik, die Eisen-, Blech- und Metallwarenindustrie und die Umwelttechnik. Die meisten Menschen dürften schon direkt oder indirekt mit Produkten zu tun gehabt haben, die auf Bihler-Automaten gefertigt wurden, etwa Zündkerzen und Ölabstreifringe im Automotor oder Steckerklammern und Sicherungsautomaten in der Wohnung. Anwender profitieren in allen Branchen von der hohen Qualität der Stanz-Biege-Teile und kompletten Baugruppen sowie von der hohen Produktivität, Flexibilität und dem effizienten Ressourceneinsatz der Bihler-Maschinen.

Erschienen in Ausgabe: 07/2013