3 Fragen, Jürgen R. Thumann

„Die Veränderungen haben sich gelohnt.“

20. November 2005

Herr Thumann, „Investieren und produzieren in Deutschland“, in diesem Handlungspapier zeigt der BDI insgesamt elf Handlungsfelder auf, die für Wachstum und Wohlstand in Deutschland sorgen sollen. Entscheidend für die Bereitschaft der Unternehmen, in Deutschland zu investieren, ist die Verlässlichkeit der Politik. Nach der Wahl ist alles offen, und das Gerangel um die Kanzlerfrage schafft kein Vertrauen. Auch zur großen Koalition haben Sie sich bereits im Vorfeld der Wahl kritisch geäußert »Die große Koalition bedeutet Stillstand«, und diese scheint derzeit die einzig mögliche Variante. Können wir also davon ausgehen, dass die Bereitschaft zum Investieren fehlt?

Das Wahlergebnis hat in der Tat viele in der Wirtschaft verunsichert. Viele Unternehmen, die international aufgestellt sind, und zurzeit Entscheidungen über neue Investitionen treffen müssen, werden sich verstärkt für das Ausland entscheiden.

Schwierig wird es für die Unternehmen, die an den Heimatmarkt gebunden sind und die nicht auf günstigere ausländische Standorte ausweichen können. Die Politik muss daher dringender denn je dazu beitragen, dass wieder mehr in Deutschland investiert wird und entsprechende positive Rahmenbedingungen setzen.

Es gibt in Deutschland zahlreiche agile und überaus erfolgreiche Mittelständler, trotz aller gefühlten oder tatsächlichen Hemmnisse. Liest man jedoch die Tages- und Wirtschaftspresse, so ergibt sich ein Bild vom stetigen Verfall und steigender Per­spektivlosigkeit. Dieses aufgeputschte Negativimage ist doch im hohen Maße verantwortungslos. Was ist denn die Sonnenseite des Standortes Deutschland, ergo wo können wir aufbauen?

Die deutsche Volkswirtschaft befindet sich in schwierigem Fahrwasser. Schon seit vielen Jahren finden wir keinen Ausweg aus der Abwärtsspirale von Wachstumsschwäche und struktureller Arbeitslosigkeit. Es gibt vielerlei Gründe für diese Wachstumsprobleme. Hierzu zählen das Schultern der Lasten aus der Wiedervereinigung, die schwache Binnennachfrage sowie die verschleppten Strukturreformen. Vor allem der unbewältigte Strukturwandel lähmt unsere Wirtschaft.

Die hohen Wertschöpfungsverluste der klassischen Industrien konnten nicht durch entsprechende Zugewinne bei modernen Industrien und Dienstleistungen wettgemacht werden. Der strukturelle Wandel ist intensiver und schneller geworden.

Deutschland hat an Anpassungsfähigkeit und Reaktionsschnelligkeit verloren. Doch wie ist zu erklären, dass Deutschland im Gegensatz zu anderen großen Industrieländern in den vergangenen fünf Jahren Weltmarktanteile hinzugewinnen konnte?

Die Unternehmen in Deutschland und immer stärker auch der Mittelstand mit seinen Familienunternehmen, haben unter dem Druck der internationalen Märkte ihre Effizienz gesteigert und ihre Kosten gesenkt.

Sie haben sich neu aufgestellt, haben umstrukturiert und im Ausland investiert, um ihre gesamten Wertschöpfungsketten von der Konstruktion bis zum Service zu optimiert. Die Herausforderungen in der Zukunft liegen für die Unternehmen darin, diese globalen Wertschöpfungsketten effizient zu managen, alle Prozesse intelligent zu vernetzen und damit eine optimale Ausnutzung der jewei­ligen lokalen Ressourcen- und Know-how-Vorteile sicherzustellen - auch in Deutschland.

Diese massiven Veränderungen innerhalb der Unternehmen haben sich gelohnt: Die Gewinnsituation, besonders der Unternehmen, die sich international richtig aufgestellt haben, hat sich verbessert.

Die Kapitalmärkte wissen um die gestiegene Wettbewerbsfähigkeit und internationale Beobachter würdigen die Restrukturierungsmaßnahmen und die Leistungsfähigkeit vieler deutscher Unternehmen.

Herr Thumann, die Hochschulpolitik steht im Blickpunkt Ihres Handlungspapiers. Die Probleme vieler ausbildungswilliger Mittelständler beginnen jedoch weit davor. Haupt-, Realschüler oder Gymnasiasten bringen oftmals nicht die nötigen Grundvoraussetzungen mit, die für eine Berufsausbildung nötig sind. Was ist hier zu tun?

Der Staat, in diesem Fall sind es die Bundesländer, muss überprüfbare Qualitätsstandards definieren, in denen sich die Anforderungen für Berufsausbildung niederschlagen. Wer über die Mindeststandards hinausgeht, muss belohnt, wer sie nicht erfüllt, entsprechend sanktioniert werden. Dieser Prozess beginnt langsam. Auch die Eltern müssen sich mehr um die schulische Ausbildung ihrer Kinder kümmern, die passenden Schulen für sie aussuchen und gute Lehrer ermutigen und unterstützen.

Die Fragen stellte Erik Schäfer

Branchen-Telex

MOTEK _ Auf der internationalen Fachmesse für Mon­tage- und Handhabungstechnik (27. bis 30.9.2005), die in Sinsheim stattfand, zeigte die Branche einen berechtigten Optimismus. 2005 werden Zuwächsen von 6 bis 8% prognostiziert. _ Igus _ (Energiekettensysteme) wurde von Metal Cutting zum Lieferanten des Jahres ausgezeichnet. _ Mitutoyo _ ist der erste Hersteller, der nach dem Elektro- und Elektronikgesetz (das »ElektroG« gilt ab März 2006) registriert wurde. Sämtliche ab dem 24. März 2006 in Europa vertriebenen Mitutoyo-Messgeräte können dann kostenfrei über das induviduelle Rücknahmesystem entsorgt werden. _ Euroguss 2006 _ die Druckgussmesse

(7. bis 9.3.2006) in Nürnberg hat nur noch wenige freie Flächen. Mehr unter www.euroguss.de. _ Euroblech _ (24. bis 28.10.2006) Messeveranstalter Mack Brooks Exhibitions hat bereits 90 Prozent der verfügbaren Standfläche vergeben und erwartet ein außergewöhnlich positives Jahr.

Erschienen in Ausgabe: 11/2005