2011 wird alles anders

Standpunkt/Dr.Kai Hoffman

Mehr Zeit für die Familie, weniger rauchen, mehr Sport Solche Vorsätze fassen viele Menschen in der Zeit ›zwischen den Jahren‹. Doch sie halten kaum länger als die verglühenden Silvesterraketen.

07. Dezember 2010

Die Zeit ›zwischen den Jahren‹ – in ihr lassen viele Menschen das zurückliegende Jahr Revue passieren. Und ehe sie sich versehen, steigen in ihnen ganz ›seltsame‹ Fragen empor: Wofür schufte ich eigentlich tagaus, tagein? Macht mir meine Arbeit Spaß? Bin ich mit meiner Beziehung zufrieden? Gefährliche Fragen! Denn wenn wir auf sie keine befriedigenden Antworten finden, ist unser inneres Gleichgewicht bedroht.

Deshalb versuchen viele Menschen, diese Fragen erst gar nicht hochkommen zu lassen. Sie verplanen ihre freie Zeit wie ihre Arbeitszeit. So bleibt auch in der Freizeit keine ›freie Zeit‹. Doch werden Auszeiten immer wichtiger, wenn wir ein erfülltes statt gefülltes Leben führen möchten. Denn wir werden heutzutage mit stets neuen, zusätzlichen Anforderungen konfrontiert: Wir sollen uns weiterbilden, damit unsere Arbeitskraft gefragt bleibt; wir sollen stärker auf unsere Gesundheit achten; und unsere Alterssicherung? Auch um sie sollen wir uns kümmern.

Ziel: ein erfülltes Leben führen

Hinzu kommt: Immer öfter geraten wir in Situationen, in denen wir uns entscheiden müssen. Ziehe ich nach Berlin, weil ich Karriere machen möchte, oder sind mir meine Freunde wichtiger? Spare ich 200 Euro monatlich fürs Alter oder kaufe ich ein neues Auto? Bei all diesen Fragen müssen wir uns entscheiden. Denn alles zugleich ist meist nicht möglich.

Wenn wir zu gewissen Möglichkeiten, die sich uns bieten, »Ja« sagen, müssen wir meist zu anderen »Nein« sagen. Das können wir nur, wenn wir wissen, was uns wichtig ist. Sonst fassen wir zwar viele Vorsätze, doch ein, zwei Tage später werfen wir sie wieder über Bord, denn die wirklich wichtigen Dinge im Leben sind nie dringend.

- Es ist nie dringend, joggen zu gehen. Es wäre aber gut für unsere Gesundheit.

- Es ist nie dringend, mit unseren Kindern zu spielen. Es wäre aber gut für ihre Entwicklung.

- Es ist nie dringend, sich Zeit für ein Gespräch mit dem Partner zu nehmen. Es wäre aber gut für die Beziehung.

- Es ist nie dringend, sich zu fragen: »Welchen Sinn hat mein Leben?« Es wäre aber von Vorteil, damit wir nicht in eine Sinnkrise geraten.

Oft erliegen wir der Illusion: Mache ich alles schneller, habe ich für alles Zeit. Konsequenz: Wir gehen nicht durchs Leben, wir rasen. Und irgendwann stellen wir fest: Nun führe ich zwar ein noch gefüllteres, aber kein erfülltes Leben.

Für die rechte Balance sorgen

Das Empfinden haben viele Menschen. Deshalb füllen die Ratgeber in Sachen Lebensführung immer mehr Regale in den Buchhandlungen. Sie beziehen sich oft auf das Work-Life-Balance-Modell von Lothar Seiwert.

Ihm zufolge gibt es vier Lebensbereiche ›Körper/Gesundheit‹, ›Familie/Kontakt‹, ›Arbeit/Leistung‹ sowie ›Sinn/Kultur‹. Und diese stehen in einer Wechselbeziehung zueinander. Also sollten wir für die rechte Balance zwischen ihnen sorgen. Hierfür brauchen wir eine Vision von unserem künftigen Leben. Eine solche Lebensvision können wir nicht zwischendurch entwickeln. Hierfür müssen wir uns eine Auszeit nehmen. Und welche Zeit eignet sich hierfür besser als die Zeit ›zwischen den Jahren‹?

Fragen Sie sich also: Was ist mir wirklich wichtig? Und: Worin zeigt sich für mich ein erfülltes Leben? Haben Sie dann ein Bild von Ihrem künftigen Leben vor Ihrem inneren Auge, können Sie sich Ziele setzen und einen Maßnahmenplan entwerfen. Doch Vorsicht! Sprechen Sie hierüber auch mit den Personen, die Ihnen wichtig sind – zum Beispiel mit Ihrem Lebenspartner. Denn nur so können sie sich auf die nötigen Kompromisse verständigen, damit sie beide ihre Ziele erreichen. Sonst stellen Sie vielleicht irgendwann mit Schrecken fest: »Mist, jetzt bin ich zwar auf der Karriereleiter ganz oben. Doch auf dem Weg dorthin habe ich leider etwas Wichtiges verloren – meinen Lebenspartner.«

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Zur Person

Dr. Kai Hoffmann, Frankfurt, ist Führungskräfte-Coach und Lebensberater und außerdem Autor des Buchs »Dein Mutmacher bist du selbst! Faustregeln zur Selbstführung«.

Erschienen in Ausgabe: 06/2010