150 Jahre Burkhardt

Alexander Burkhardt und Jörg Berger

Auf 150 Jahre Unternehmensgeschichte blickt das Bayreuther Unternehmen Burkhardt zurück. Die beiden Geschäftsführer, Alexander Burkhardt und Jörg Berger, ruhen sich aber nicht auf den Lorbeeren der Geschichte aus.

23. August 2011

Alexander Burkhardt: Das Unternehmen ist jetzt in der fünften Generation familiengeführt, in unserer Familie repräsentiere ich die dritte: Mein Großvater hat die 1861 gegründete, damals kleine mechanische Werkstatt und Gießerei von der Familie Hensel im Jahre 1917 übernommen. Das ist also auch bald 100 Jahre her. Wir Burkhardts sind sehr langlebig. Mein Vater hat die Firma 50 Jahre lang geleitet, und ich bin auch schon 30 Jahre im Unternehmen.

Ist es mehr Freude oder mehr Bürde, ein so traditionsreiches Unternehmen zu leiten?

Alexander Burkhardt: Ich habe diese Aufgabe noch keinen Tag als Last empfunden. Es gab für mich ja auch nichts anderes. Ich wurde quasi von Geburt an darauf vorbereitet. Für mich war das immer klar, und ich habe diese Aufgabe immer angenommen. Man bekommt natürlich mit, dass es Höhen und Tiefen gibt, die man aber, auch durch das Engagement und die Flexibilität der Mitarbeiter, immer wieder übersteht. Und deshalb macht das Geschäft auch immer wieder Spaß. Es ist sehr abwechslungsreich, und wir spüren gerade jetzt den Aufschwung sehr stark. Krisen zu managen ist weniger lustig.

Wie sieht es mit Ihrem Nachwuchs aus? Wird auch die vierte Generation Burkhardt ins Unternehmen einsteigen?

Alexander Burkhardt: Ich habe einen Sohn und eine Tochter, die später ins Unternehmen einsteigen können, wenn sie wollen, zunächst aber ihre Sporen woanders verdienen müssen – eine Gelegenheit, die ich leider nicht hatte. Ich bin damals nach dem Studium direkt in unsere Firma gegangen, und das würde ich nicht empfehlen. Ich dränge meine Kinder auch nicht, eines Tages meine Nachfolge anzutreten. Sie können völlig frei entscheiden. Aber das Interesse ist da; ich bin da sehr gelassen.

Mittelständische Familienunternehmen werden auch häufig wie eine große Familie geführt; das heißt, die Unternehmer fühlen sich den Mitarbeitern stärker verbunden als die Führer ›Anonymer Gesellschaften‹. Nach welchen Grundsätzen führen Sie Ihr Unternehmen?

Alexander Burkhardt: Viele unserer Mitarbeiter bleiben von der Lehre bis zur Rente in unserem Unternehmen. Das zeigt, dass sie sich wohl- und verbunden fühlen. Es gibt auch Familien, die schon in der dritten Generation bei uns arbeiten.

Wir beteiligen unsere Mitarbeiter so weit wie möglich an den Entscheidungsprozessen und auch am Unternehmenserfolg – in guten und in schlechten Zeiten; das wirkt in beiden Richtungen. Damit sind wir sehr erfolgreich, weil die Verbundenheit der Mitarbeiten mit dem Unternehmen sehr groß ist. Auch die schwierigen Entscheidungen in der Krise haben die Mitarbeiter mitgetragen. Umgekehrt profitieren sie von Gewinnbeteiligungen, die wir schon vor 30 Jahren eingeführt haben.

Jörg Berger: Wir legen auch sehr viel Wert auf die Ausbildung, nicht nur für den eigenen Bedarf. Wir nehmen an einem regionalen Verbund teil und tauschen sozusagen Auszubildende mit anderen Unternehmen aus, damit die jungen Leute mehr als nur einen Betrieb kennenlernen.

Spüren Sie einen Nachwuchsmangel im gewerblichen Bereich?

Alexander Burkhardt: Wir investieren seit vielen Jahren in die Ausbildung, auch in Zusammenarbeit mit anderen Unternehmen. Die oberfränkische Bezirkshauptstadt Bayreuth mit ihren rund 75000 Einwohnern bietet auch jungen Menschen genug Abwechslung. Wir haben 30 eigene Auszubildende und im Verbund rund 100 weitere, die Ausbildungsmodule bei uns absolvieren. Diesen Verbund gibt es seit über 30 Jahren.

Mussten Sie in der Krise entlassen?

Alexander Burkhardt: Leider ja. Wir sind nicht umhingekommen, uns von Mitarbeitern zu trennen. Das fiel uns sehr schwer. Zuvor, von 2004 bis 2008, hatten wir unsere Belegschaft um fast 50 Prozent aufgestockt, und von einem Teil dieser Neueingestellten mussten wir uns leider wieder trennen. Auch die unterschiedlichen Konjunkturzyklen der beiden Maschinenbaubereiche konnten das in diesem extremen Fall nicht verhindern, sondern nur mildern. Aber mittlerweile bauen wir wieder auf.

Ihr Unternehmen umfasst eine Gießerei und den Bau von Maschinen für die Bearbeitung von Steinen sowie von Blechen. Welche Bedeutung haben diese drei Bereiche für das Gesamtunternehmen?

Alexander Burkhardt: Die Umformtechnik ist der größte Bereich und der am schnellsten wachsende. In der Steinbearbeitung konzentrieren wir uns immer mehr auf den Anlagenbau, und das ist ein Trend, den wir auch in der Umformtechnik beobachten.

Profitiert die Umformtechnik vor allem durch den Boom in Asien, oder gibt es auch ein qualitatives Wachstum, etwa im Bereich hochfeste Stähle und Leichtmetalle?

Jörg Berger: Die höherfesten Materialien für den Automobilbau haben natürlich Auswirkungen auf die ganze Branche – auf die Maschinen, auf die Werkzeuge … Dem müssen wir Rechnung tragen: Viele Anlagen werden neu konzipiert unter Berücksichtigung der geänderten Anforderungen.

Sowohl Stanzautomaten aber insbesondere auch die Zuführtechnik, also Richtmaschinen, Vorschübe und so weiter, werden nach letztem Stand der Technik optimiert. Das heißt, wir entwickeln kontinuierlich weiter. Einen großen Teil haben wir schon realisiert im Bereich der Feinrichtmaschinen, der Universalrichtmaschinen aber auch in einer neuen Generation von Vorschüben, die deutlich dynamischer arbeiten und auch diesen neuen, hochfesten Materialien gerecht werden.

Welche Trends – neben dem zu hochfesten Werkstoffen – beobachten Sie noch?

Jörg Berger: Der Trend zu größeren Werkzeugen, zu Folgeverbundwerkzeugen und damit zu größeren Werktischen und Anlagen hält an. Das führt unter anderem auch dazu, dass die Maschinen gar nicht mehr bei uns aufgebaut werden, sondern gleich beim Betreiber. Der Aufwand wäre sonst zu hoch.

Ebu ist einer der Vorreiter auf dem Weg zur servo-elektrischen Presse. Schon 2004 präsentierten Sie als erster deutscher Pressenbauer einen Servo-Pressenantrieb. Wird die hydraulische Presse aus der Blechbearbeitung verschwinden, oder bleiben ihr Nischen – und welche sind das?

Jörg Berger: Beide haben ihren Platz, und es gibt Bereiche, wo nur der eine oder andere Antrieb sinnvoll ist. Aber es gibt auch eine Grauzone, in der sich technisch beide Antriebsarten eignen. Die Servotechnik erweitert allerdings das Einsatzgebiet der mechanischen Presse enorm. Die Modifizierung der Stößelgeschwindigkeit bietet natürlich sehr viele Möglichkeiten, die die klassische Maschine früher nicht hatte, beispielsweise die Auftreffgeschwindigkeit des Werkzeugs aufs Werkstück, den Teileausstoß, die Gestaltung des Umformprozesses selbst … Aber es bleiben Aufgaben, die mit der mechanischen Presse trotz Servoantrieb nicht gelöst werden können. Sie fahren mit der einen Methode kraft-, mit der anderen weggebunden.

Nicht zuletzt: Auch die Hersteller hydraulischer Pressen haben ihre Hausaufgaben gemacht und bieten moderne Maschinen mit deutlich erweiterten Einsatzmöglichkeiten an.

Bestimmt nach wie vor die Automobilindustrie, wo es lang geht?

Jörg Berger: Vor einigen Jahren waren wir noch deutlich automobillastiger. Die Automobilindustrie ist auch weiterhin die wichtigste Branche für uns, aber wir sind nicht mehr so abhängig von ihr. So haben beispielsweise die Beschlagindustrie und vor allem die erneuerbaren Energien an Bedeutung zugelegt. Von diesen erwarten wir auch künftig eine Menge, seien es Elektrobleche für Generatoren oder Halterungen für Solaranlagen.

Alexander Burkhardt: Die Automobilindustrie wird aber die Nummer 1 bleiben, zumal Sie in einem Elektrofahrzeug im Antriebsbereich mehr Blech brauchen als für einen Verbrennungsmotor mit Getriebe, wo Sie mehr Guss- und Schmiedeteile haben.

Beschäftigen Sie sich mit der Verarbeitung von Hybridwerkstoffen und sogar reinen Faserverbundwerkstoffen?

Jörg Berger: Das ist eine Frage der Kapazität. Wir forcieren das nicht, behalten aber die Entwicklung im Auge und arbeiten auch auf diesem Gebiet mit Hochschulen zusammen.

Wofür steht ›myOpenFactory‹? Was ist das und was haben Ihre Kunden davon?

Alexander Burkhardt: Wir machen nicht nur Produktentwicklung, sondern auch Prozessentwicklung. Einer dieser Prozessentwicklungsschritte war myOpenFactory, wo wir als Projektpartner F+E betrieben haben. Es geht um eine einfache, preiswerte, auf dem Internet basierende zwischenbetriebliche Kommunikation.

Wir wickeln heute über 50 Prozent aller Beschaffungsvorgänge komplett elektronisch ab, inklusive Bestellung, Auftragsbestätigungserfassung, Terminveränderungen, Rechnungseingangserfassung und Zeichnungsversand. Der Kunde profitiert zum einen davon, dass wir schneller sind und weniger Kosten haben, und zum anderen, dass weniger Fehler entstehen. Wir können mit diesem System mit einem Großunternehmen genauso kommunizieren wie mit einem Einmannunternehmen, das gar kein ERP hat, denn es gibt ein spezielles ›Cockpit‹, einen PC mit Software, mit dem er am myOpenFactory-Verbund teilnehmen kann. Dazu gibt es mehrere Ausbaustufen.

Derzeit gibt es ein weiterführendes Forschungsprojekt namens Win-D. Damit soll in der globalisierten Wirtschaft die Wandlungsfähigkeit der Unternehmen durch integrierte IT-Strukturen und dezentrale Produktion gestärkt werden. Wir selbst führen derzeit ein komplett neues ERP-System ein, um die neuesten Möglichkeiten zu nützen.

Wo sehen Sie noch Wachstumschancen?

Alexander Burkhardt: Wir werden die Internationalisierung vorantreiben und gezielt bestimmte Exportmärkte aufbauen. So haben wir eine Tochterfirma in Indien, die den lokalen Markt mit C-Gestell-Pressen und Stanzautomaten bedient. Mit der so entwickelten Servicefähigkeit wollen wir auch die dortige Automobilindustrie bedienen und unsere klassische, deutsche Technik vermarkten, angepasst an die dortigen Anforderungen.

Welche Ziele verfolgen Sie noch?

Alexander Burkhardt: Wir wollen unter den drei Topanbietern Deutschlands sein. Wir wollen Technologieführer sein, was immer wieder durch Auszeichnungen und Preise bestätigt worden ist.

Wir haben die Krise genutzt, um Prozesse zu verschlanken und die Kosten zu optimieren. Das ist noch nicht abgeschlossen; wir sind aber insgesamt auf einem guten Weg und werden in diesem Jahr vermutlich den höchsten Umsatz der Unternehmensgeschichte erzielen – mehr als 2008.

Hans-Georg Schätzl

Zahlen & Fakten

1961 wurde das mittelständische Familienunternehmen von August Hensel in Bayreuth gegründet und

1917 von Otto Wilhelm Burkhardt übernommen. Neben einer Gießerei betreibt Burkhardt zwei Maschinenbaubereiche: Anlagen für die Stein- und die Blechbearbeitung. Burkhardt ist ein Pionier in Sachen Servopressentechnik und ein führender Hersteller von Feinrichtmaschinen. 1990 trat Alexander Burkhardt in die Geschäftsleitung ein, seit 2005 wird er von Jörg Berger als 2. Geschäftsführer unterstützt.

Erschienen in Ausgabe: 04/2011