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Interview/Per Olof Stark und Olavi Huhtala, SSAB

Vor einigen Monaten übernahm SSAB den finnischen Stahlhersteller Ruukki – ein Zusammenschluss auf Augenhöhe, wie es scheint. Olavi Huhtala, Leiter von SSAB Europe, und Per Olof Stark, Chef der Division Special Steels, zu Fragen über die Zukunft des gewachsenen Konzerns.

04. Februar 2015

Die Übernahme von Ruukki durch SSAB hat quasi zu einem neuen Konzern geführt. Wo sehen Sie sich jetzt in der Weltrangliste?

Olavi Huhtala: Das ist sehr schwer zu sagen, denn es gibt – besonders in China und Indien – sehr große Hersteller, die aber vor allem die asiatischen Märkte beliefern, während wir mit unseren hochwertigen Produkten vorrangig in Europa und Amerika aktiv sind. Wenn so eine Weltrangliste aussagekräftig sein soll, dann müsste man nach Produktsegmenten unterscheiden.

Ich kann Ihnen aber einige Zahlen über uns nennen: Wir erreichten zusammen mit etwa 17300 Mitarbeitern 2013 einen vorläufigen Umsatz von etwa 6,4 Milliarden Euro (Anmerkung: Stand Juli 2014) und haben zirka 8,8 Millionen Tonnen Stahl produziert.

Per Olof Stark: Uns ist es auch nicht wichtig, der größte Hersteller zu sein, sondern der stärkste in unseren Zielmärkten, das heißt ambitionierte Anwendungen in Europa, Nordamerika und anderen anspruchsvollen Märkten weltweit. Die unterschiedlichen Ansprüche manifestieren sich auch in den Bezeichnungen: Was wir intern als ›Standardstähle‹ bezeichnen, ist weit weg von dem, was auf dem Weltmarkt als Standard gilt. Es geht ja nicht nur um Legierungen, sondern um Merkmale wie Dickentoleranzen, Ebenheit, aber auch Verfügbarkeit, Lieferzeit und so weiter.

Sie produzieren sicher auch unter völlig anderen Bedingungen, als sie in den Schwellenländern herrschen. Die Skandinavier sind ja seit Jahrzehnten Vorreiter in der Humanisierung von Arbeitsplätzen.

Olavi Huhtala: Richtig! Aber wir denken auch über den Werkszaun hinaus und haben Abermillionen in den Umweltschutz investiert. Solches Engagement trägt dazu bei, dass in Europa teurer produziert wird als in Asien.

Was wird aus der Marke Ruukki?

Olavi Huhtala: Auch nach der Übernahme von Ruukki bleibt der Name der Gesellschaft SSAB. Diese Gesellschaft ist in fünf Divisionen aufgeteilt: SSAB Special Steels liefert weltweit hoch- und höchstfesten Stahl; SSAB Europe und SSAB Americas produzieren hochwertigen Stahl in Form von Bändern, Blechen und Rohren für die jeweiligen Märkte; Tibnor ist eine Full-Service-Vertriebsgesellschaft und Ruukki Construction bietet energie- und rohstoffsparende Lösungen für die Baubranche, beispielsweise für Fassaden. Hier wird also die Marke Ruukki weiterleben. Eine unserer wesentlichen momentanen Aufgaben ist die Schärfung dieser Marken, um den Markt nicht zu verwirren.

Ruukki war immer sehr stark in F+E, SSAB aber auch. Welchen Nutzen bringt der Zusammenschluss auf diesem Gebiet?

Olavi Huhtala: Beide Unternehmen sind sehr stark in Research & Development, und beide hatten fast die gleichen Schwerpunkte, zum Beispiel hochfeste Bänder und Bleche. Trotzdem können wir im Detail sehr viel voneinander lernen. Wir können also auch den Kunden künftig noch mehr an Know-how über Material und Anwendungsmöglichkeiten und noch bessere, spezifischere Produkte anbieten. Wir werden also ein noch besserer Partner unserer Kunden sein.

Ruukki war nicht nur im statischen Baubereich sehr stark, sondern auch – neben dem Automobilbereich – im Segment Baumaschinen und Militärfahrzeuge. Wenden sich deren Hersteller künftig an SSAB Special Steels? Und welche Divisionen bedienen künftig den Automotive-Markt?

Per Olof Stark: Sowohl der Baumaschinenbereich als auch das Segment der Sicherheitsstähle werden von dem neuen SSAB-Unternehmen durch SSAB Special Steels vollumfänglich bedient. Besonders in Deutschland ist aber vor allem auch der Automotive-Sektor ein sehr bedeutender Markt für uns. SSAB Europe beliefert die hiesige Automobilbranche mit einer Reihe von Serviceleistungen und Produkten wie beispielsweise unserem Docol-Stahl für Leichtbaulösungen.

Wie findet der ehemalige Ruukki-Kunde dann ›seine‹ Stahlsorte? Werden die alten Ruukki-Bezeichnungen erhalten? Oder gibt es eine Art Wörterbuch, in dem die bisherigen und die neuen Namen aufgelistet und übersetzt werden? - Olavi Huhtala: Daran arbeiten wir gerade, um dem Kunden die Suche so einfach wie möglich zu machen. In der Übergangsphase wird der Kunde mit der bisherigen Bezeichnung, zum Beispiel Hardox, Raex, Optim, oder Domex, arbeiten können. Er braucht also keine neue Sprache zu lernen.

Nach dieser Übergangsphase wird der Markt hoffentlich den Eindruck haben, dass 1 + 1 mehr als 2 sein kann.

Welche neuen Produkte sehen wir auf der Euroblech und was dürfen wir 2015 erwarten?

Olavi Huhtala: Eine wesentliche Rolle spielen natürlich hoch- und höchstfeste Stahlsorten für den Automotive-Bereich. Wir sprechen hier von Endfestigkeiten zwischen 1500 und 2000 N/mm² nach dem Presshärten. Am Beispiel eines Stoßfängers stellen wir einen hochfesten Stahl vor, der sich gut zum Rollformen eignet.

Ist Ihr Blick vor allem auf die Automotive-Industrie gerichtet?

Olavi Huhtala: Die spielt natürlich eine große Rolle, sowohl was die Materialentwicklung als auch die Absatzmengen betrifft. Aber wir tragen keine Scheuklappen. Auch andere Branchen, wie die schon mehrfach erwähnte Bauindustrie, spielen eine Rolle.

Per Olof Stark: Es sind ja nicht nur die großen Knaller, die ›Revolutionen‹ und ›Sensationen‹, der Gesprächsstoff auf der Messe schlechthin, die unsere Kunden voranbringen, sondern auch die ständigen Weiterentwicklungen, die kontinuierlichen Verbesserungen, das permanente Upgrading. Es geht nicht nur um immer höhere Festigkeiten, sondern auch um bessere Formbarkeit, bessere Schweißbarkeit und so weiter.

Welche Ziele haben Sie nach dem Zusammenschluss?

Olavi Huhtala: Wir sind zusammen wesentlich stärker. Wir haben gemeinsam das Know-how, die Kompetenz, die Produkte, die Kapazitäten, die Manpower – nicht zuletzt in der Entwicklung und im Service–, um für unsere Kunden der wichtigste Lieferant, die Nummer 1 zu werden. Nicht weniger ist unser bescheidenes Ziel.

Unser Blick ist immer auf den Kunden gerichtet. Und unser wichtigster Markt für Spezialstahl ist Deutschland.

Hans-Georg Schätzl

Fakten & Zahlen

SSAB ist ein in Skandinavien und in den USA ansässiger, global ausgerichteter Hersteller von extra- und ultrahochfestem Stahl (AHSS), vergütetem Stahl (Q&T, Quenched & Tempered), von Standard-Bandprodukten, Grobblechen und Rohrprodukten sowie Lösungen für die Bauindustrie. In Schweden und Finnland werden Hochöfen betrieben, in den USA Stahlschrott in Lichtbogenöfen verarbeitet. SSAB beschäftigt etwa 17300 Mitarbeiter in 50 Ländern.

Erschienen in Ausgabe: 01/2015