30. SEPTEMBER 2016

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»Der menschliche Faktor wird oft unterschätzt«


GLOBO/Russland

Die Kommunikation zwischen verschiedenen Kulturen kann gerade in geschäftlichen Bereichen manchmal problematisch werden. Die Unternehmensberaterin Dr. Irina Baeuerle hat sich auf interkulturelle Wirtschaftskommunikation spezialisiert und berät in Russland deutsche Unternehmen wie Volkswagen oder Continental beim Umgang mit Geschäftspartnern und Personal.
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Frau Dr. Bauerle, welche Bedeutung hat interkulturelle Beratung heute im Russlandgeschäft?

Wer als Geschäftsmann in Asien oder in arabischen Ländern aktiv wird, rechnet dort mit einer ganz anderen Kultur. Bei den Russen denkt man zunächst, sie seien auch Europäer. Aber man sollte sich vor Augen führen, wie riesig die Russische Föderation eigentlich ist. Am östlichen Rand grenzt sie schon fast an Japan.

Deshalb sollte man sich nicht wundern, dass es erhebliche kulturelle Unterschiede gibt. Hinter der europäischen Fassade verbirgt sich viel Asiatisches. Das hat historische Wurzeln und spiegelt sich auch in der russischen Geschäftswelt wider.

Viele deutsche Konzerne setzen schon seit Jahren auf interkulturelle Beratung im Russlandgeschäft. Wird dieses Thema im deutschen Mittelstand bislang unterschätzt?

Ja, dieser menschliche Faktor wird häufig unterschätzt. Große Konzerne haben Personalabteilungen, die schon seit Jahren auf interkulturelle Beratung setzen. Mittelständler sind da noch zurückhaltender, weil sie die Kosten scheuen. Viele deutsche Unternehmen suchen sich in Russland einen Partner und machen zunächst vieles richtig. Aber oft wissen sie nicht so genau, wie man langfristig Vertrauen aufbaut. Wenn die interkulturelle Vorbildung fehlt, handelt man häufig so, wie man es eben aus Deutschland kennt.

Das kann mit etwas Glück gutgehen. Aber häufig schleichen sich kulturelle Missverständnisse ein, denn es gibt einige Unterschiede in der Unternehmenskultur, die man beim Start in Russland kennen sollte. Interkulturelle Missverständnisse sind häufig Vorboten eines Konflikts.

Wie zeigen sich diese kulturellen Unterschiede?

Der russische Kommunikationsstil ist ähnlich indirekt wie bei asiatischen Geschäftspartnern. Wenn ein russischer Manager eine Absage erteilen möchte, wird er nie direkt »Nein« sagen. Das wird als zu hart empfunden. Er sagt dann lieber »Schauen wir mal«. Der Deutsche glaubt dann, das klappt also. Wenn er wieder nachfragt, bekommt er die gleiche Antwort. Aus deutscher Sicht passiert es dann leicht, dass bestehende Vorurteile scheinbar bestätigt werden. Der russische Geschäftspartner erscheint unberechenbar und nicht vertrauenswürdig. In einem interkulturellen Training würde man üben, viel früher genauer zu erfahren, was die tatsächlichen Hindernisse auf russischer Seite sind und wie man gemeinsam weiterkommt.

Was wäre Ihr wichtigster Ratschlag für Mittelständler im Russlandgeschäft?

Wer in Russland Geschäfte machen möchte, sollte sie zur Chefsache machen. In Russland spielen Macht und Kontrolle eine größere Rolle. Außerdem ist es sehr wichtig, eine persönliche Ebene herzustellen und sich langfristig zu engagieren. Verträge spielen dabei eher eine untergeordnete Rolle. Die Rechtslage in Russland ist so instabil, dass etwas, was vor fünf Jahren abgeschlossen wurde, zu anderer Zeit ungültig sein kann.

Diesen Hintergedanken hat jeder langfristig denkende russische Geschäftsführer. Deshalb verlässt er sich nicht auf Buchstaben und Ziffern in einem Vertrag, sondern die persönliche Ebene ist viel wichtiger. Das Berufliche und Private sind in Russland sehr vermischt.


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bbr 06/2014
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