26. JUNI 2016

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Absolute Presse(n)freiheit


Erste CompactCrossbar-Transferpresse sorgt für Schlagzeilen

Wer in Superlativen schwelgen mag, der wird hier hinreichend bedient. Kraft, Dynamik, Flexibilität und Produktivität lauten die Attribute der nagelneuen CompactCrossbar-Transferpresse, und das auf „engstem“ Raum. Alle 3,75 Sekunden spuckt das 35-Mio.-Euro-Ungetüm zwei Türen oder komplette Seitenwände aus hochfestem Stahl des neuen Ford-Focus-C-Max aus. Wenigstens macht sie das jetzt gerade. Innerhalb von 15 Minuten könnten es auch Motorhauben oder Dächer oder...sein. BBR war dabei, als in Saarlouis der Startschuß, eigentlich der Startknopfdruck, erfolgte.

Technik kann faszinierend und vielleicht auch erschreckend sein. Erschreckend deshalb, wenn man die ungeheure Geschwindigkeit betrachtet, mit der Prozesse optimiert und Arbeitsabläufe beschleunigt werden, und sich damit die Automobilproduktion grundlegend ändert. Wenn dann ein Automobilbauer, wie Ford in Saarlouis, eine Megainvestition angesichts der zu bewältigenden Überkapazität an PKWs (von 1990) in Europa von sieben Millionen Einheiten (weltweit 24 Mio. Einheiten) tätigt, dann ist dies zugegebenermaßen erst einmal etwas verwirrend. Die Investition in die neue Schuler-Presse war trotz der erwähnten Unwägbarkeiten ein Volltreffer für Ford, so wie das ganze Ford-Focus-Projekt seit seinem Start 1998.

Anläßlich des Produktionsstarts der 1. Schuler-CompactCrossbar-Transferpresse, einem technischen Novum in der Pressenlandschaft, öffnete Ford seine Werkstore auch den Konkurrenten von DaimlerCrysler, Opel und Volkswagen et cetera. Dies zeugt von einer gehörigen Portion Selbstbewußtsein, denn die branchenübliche Geheimniskrämerei fand ihren Niedergang in diesem Akt der Transparenz.

Offensiv in die Zukunft gehen
Hans Schardt, Direktor der europäischen Ford-Fahrzeugfertigung sprach Klartext zu seinen Leuten, den geladenen Gästen und den drei Beteiligten Eröffnungsrednern, dem Wirtschaftsminister des Saarlandes, Dr. Hanspeter Georgi, dem Oberbürgermeister von Saarlouis, Hans-Joachim Fontaine und natürlich auch dem Mitglied des Vorstandes der Schuler AG, Wilfried Jakob: „Saarlouis ist unter den 111 Ford-Werken in 25 Ländern eine wichtige und gute Adresse. Hier stimmen Produktionsqualität und Flexibilität, was unseren guten und motivierten Mitarbeitern zu verdanken ist.“ Zudem verwies Hans Schardt auf die sehr gute Zusammenarbeit mit der Politik im Saarland: „Wir von Ford und die Landesregierung ziehen an einem Strang!“

Herausforderungen verlangen nach einschneidenden Lösungen
Nach dem Lob kam die nüchterne Bestandsaufnahme, worin Schardt davon sprach, daß er von den gut 20 Automobilherstellern, die es 1990 noch gab, im Jahre 2010 nur etwa sechs bis neun Automobilhersteller weltweit sieht. Im gleichen Zeitraum erwartet er, daß die Zahl der Zulieferer von 30.000 auf etwa 3.000 bis 3.500 schrumpfen wird. Zugleich kam der Direktor der europäischen Ford-Fahrzeugfertigung auf die zu bewältigenden Überkapazitäten an Fahrzeugen zu sprechen. Nach seinen Worten würden „alle die Überkapazitäten außerhalb Europas theoretisch ausreichen, um den gesamten europäischen Fahrzeugbedarf zu decken.“

Prestigeprojekt mit gravierenden Folgen
Trotz aller Unwägbarkeiten und der großen Herausforderungen an die Automobilindustrie hat Ford seine Aufgabe bisher gut bewältigt. Die Konzentration auf vier große Produktionswerke in Europa bezeichnete Schardt deshalb als gewaltigen Fortschritt. Alle vier Werke laufen im Dreischichtbetrieb und können eine Kapazitätsauslastung von 95 Prozent vorweisen. Zudem tragen Neuerungen, wie die Übergabe komplexer Aufgaben an die Zulieferer sowie die Nutzung der E-business-tools erheblich zur Verbesserung bei. Auch die Schaffung von Industrieparks in direkter Nähe der Werke sorgen für eine vereinfachte Logistik und kürzeste Transportwege für die Komponenten und damit eine effizientere und flexiblere Produktion.

Daß die erfolgreiche Ford-Focus-Baureihe um ein Van-Modell erweitert wird, erscheint ob des Verkaufserfolges der „kleinen Vans“ in Europa nur allzu logisch. Der Ford Focus C-Max wird ab 23. Oktober in Deutschland im Handel sein und nur in Saarlouis für 33 Länder produziert. Speziell für diesen Ford-Van hat Ford die 35-Mio. Euro schwere Investition in die Schuler Presse getätigt.

Ständig wird nach höherer Flexibilität und mehr Produktivität gerufen. Die Kostenminimierung der Teile bei gleichzeitiger Forderung nach höchster Qualität sind eine ständige Herausforderung für alle Beteiligten. So natürlich auch für das Unternehmen Schuler, Göppingen, das eine gewaltige Energie in dieses Prestigeprojekt gesteckt hat. Zusammen mit ihrem Kunden Ford haben die Schuler-Ingenieure die Crossbar-Transferpresse in der Rekordzeit von nur 18 Monaten realisiert.

Mit der Crossbar-Technik ist den Göppingern der Spagat zwischen Roboterhandling - mit der höchstmöglichen Flexibilität - und Transferpressen üblicher Bauart - mit der hohen Ausbringung - gelungen. 16 Hübe pro Minute bei gleichzeitig großem Teilespektrum für mittlere und große Teile durch die äußerst beweglichen CompactCrossbar-Transfereinrichtungen geben die Richtung im Pressenbau vor. Zudem glänzt die Lösung von Schuler mit einer Steigerung der Teileausbringung über einen großen Teil des gesamten Teilespektrums hinweg, von 15 bis 20 Prozent. Aufgrund der hohen Ausbringung rechnet Ford laut des Betriebsleiters Preßwerk und Karosseriebau bei Ford Saarlouis, Thomas Klein, hier mit einer „Payback-Zeit“ von unter 10 Jahren.

Durchgetestetes Platzwunder
Fördernd für diese Schuler-Lösung waren sicher auch die Platzverhältnisse bei Ford in Saarlouis. Die Schuler-Technik erlaubt es, den Mittenabstand zwischen den Umformstationen auf 3,9 m beziehungsweise 3,85 m zu halten (konventionell wären mindestens 4,6 m nötig gewesen), um so die gesamte Anlage nicht über die Maximalmaße von 69 x 22 x 10,5 Metern anwachsen zu lassen. Gleichzeitig konnte eine Aufspannfläche von 4,6 x 2,5 m bei der ersten Stufe und 4,6 x 2,3 m bei den folgenden vier Stufen erreicht werden. Die Kopfpresse verfügt über eine Preßkraft von 22.500 kN, die Stationen 2 bis 5 über je 10.000 kN. Die Werkzeuge können ein Maximalgewicht von 60 Tonnen aufweisen, und innerhalb von 15 Minuten läßt sich der gesamte Werkzeugsatz der Presse komplett wechseln.

Zwar ist Ford der erste Kunde, der eine CompactCrossbar-Transferpresse von Schuler einsetzt, dennoch sorgt dies für keine Unsicherheiten. Die modularen Transfereinheiten hatten auf dem Schuler-Versuchsstand bereits 2 Mio. Hübe anstandslos absolviert, was einer Serienlaufzeit von etwa einem Jahr entspricht; ein Ergebnis, das für Sicherheit sorgt. Eine Vergleichsstudie machte zudem deutlich, daß die CompactCrossbar-Lösung bereits bei einem Anteil an Doppelteilen von 30 Prozent die wirtschaftlichste Produktion erlaubt. Bis zu 1060 Einheiten des Ford-Focus-C-Max sollen zukünftig tagtäglich das Werk verlassen.

Gesamtkonzept von Anfang bis Ende
„Entscheidend ist, was hinten rauskommt“, soll Helmut Kohl einst gesagt haben, und damit die Autobauteile den strengen Kriterien genügen, sind eine exakte Logistik und ausgewählte Maschinenkomponenten unumgänglich. „Die Lackschichten werden heute immer dünner. Sie verzeihen nicht einmal mehr kleinste Eindrücke im Blech. Demzufolge waren die Schuler-Ingenieure gefordert und konzipierten einen Platinenlader mit Reinigungsfunktion, um eine absolute Blechreinheit zu gewährleisten, schon bevor die Platinen die erste Pressenstufe erreichen“, erläutert Schuler-Prokurist, Dipl.-Ing. Hans Hofele, Leiter Entwicklung, Vertrieb und Projektierung Blechumformanlagen. Der Platinenlader kann Platinen von 1.300 x 700 mm bis 4.100 x 2.000 mm in den Dicken 0,6 bis 3 mm, bei einem Maximalstückgewicht von 50 kg handeln. Ob Rechteckplatinen, Formplatinen oder Tailored Blanks aus Stahl oder Aluminium exakt übernehmen die Sauggreifer Platine für Platine und übergeben sie der Reinigungsstation, von wo sie der Zentriereinrichtung übergeben werden, um punktgenau zur Presse zu gelangen. Die Fertigteile verlassen die Compact-Transferpresse auf zwei Transportbändern mit einer Bandgeschwindigkeit von 30 bis 60 m/min.

Wie reibungsfrei das Ganze von Anfang bis Ende funktionierte, davon konnten sich die Anwesenden ein Bild machen, als die Anlage gegen 12:45 Uhr gestartet wurde. Die Dynamik der Gesamtanlage ließ keinen der Anwesenden unberührt. Wie die modularen Transfereinrichtungen die Platinen von Station zu Station ohne Zwischenablage durchreichten, das hatte schon etwas von Eleganz an sich. Dabei wurden die kompletten Seitenteile aus hochfestem Stahl in nur vier Stationen geformt, gestanzt, beschnitten und gebördelt, die fünfte Station lief leer mit. Hier zeigte sich, daß sich mit Ford und Schuler zwei kompetente Partner gefunden haben, die am 4. September ein reibungslos funktionierendes, flexibles, hochproduktives Gemeinschaftswerk in Betrieb nahmen.

Ausgabe:
bbr 10/2003
Unternehmen:
Bilder:

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