24. JULI 2016

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Die Netzwerker


Perspektive Kooperation?

„Wir haben uns selbst neu erfunden“, mit diesem Satz erklärte Albert Reiss, Geschäftsführer von Arku, den etwa 110 geladenen Geschäftspartnern - dem „Who is who“ der Umformbranche - auf dem 2. Arku Info Treff, im Werk Hauenebenstein bei Baden-Baden, eines der Geheimnisse des Unternehmenserfolges. Doch zuvor kamen zwei Gastredner zu Wort, die ein weiteres Geheimnis lüfteten.

Edgar K. Geffroy ist ein begnadeter Selbstdarsteller. Wenn er über „Kooperationsfähigkeit als Überlebensfaktor“ spricht, dann kommt der Experte für Geschäftsbeziehungen schnell zur Sache. Albert Reiss, der Geffroy über dessen Buch „Abschied vom Verkaufen“ kennenlernte, hat sich diesen kompetenten Redner eingeladen, um Lösungsansätze für zukünftige Geschäftsideen aufzuzeigen, denn das Thema des 2. Arku Info Treffs war die Frage: „Perspektive Kooperation?“ - neue Chancen für Zulieferer und Maschinenbauer. „Die 70er-Jahre waren die Zeit des Marketings. In den 80er- Jahren war die Ära der Qualität und in den 90ern folgte die Ära der Kunden. Von 2000 bis 2010, so behaupte ich, wird die Zeit der Partner sein. Der partnerschaftliche Gedanke und die Fähigkeit in Netzwerken zu denken wird eine zentrale Herausforderung sein“, so Geffroy. Kooperationen, Allianzen, Partnerschaften und nicht Fusionen würden die Zukunftsthemen für die Unternehmen sein: „Sieben von 10 Fusionen scheitern“, stellte Geffroy dazu klar. Und er stellte auch heraus, daß es zu handeln gilt, lange bevor akuter Handlungsbedarf bestehe, denn viele Unternehmen warten bis sie in der Krise stecken. Geffroy nannte diese Schmerzgrenze lapidar den Panik Punkt, der Punkt, wo auch dem letzten klar wird, es geht bergab und es muß sich etwas ändern. 86% der Bevölkerung sagt er diesen Unwillen zu Veränderungen nach und er betont, daß die Welt des Kapitals der Welt des menschlichen Kapitals weicht. Auch die fehlende Strategie vieler Unternehmen ist Geffroy zu Folge Schuld an deren oft katastrophalen Lage - und dies betrifft auch Großunternehmen. Die geladenen Gäste nahmen es mit Interesse auf und als alle in den Garten zur Pause strömten, um bei angenehmen - über - 20°C das Gesagte in angeregten Gesprächen zu verdauten, da fehlte doch so manchem bei Geffroy der Bezug zur Realität - Skepsis war angesagt.

Der Praxisbeweis
Albert Reiss war klar, was die Rede von Geffroy auslösen würde. Mit dem zweiten Gastredner hatte er vorgebaut. Neben dem richtigen Händchen für seine Gastredner, zeigte der Arku-Geschäftsführer auch Sinn für das richtige Timing. Werner Schmidt, Geschäftsführer der VIA-Consult brachte das, was Geffroy vorher erklärte - und so mancher Anwesender vielleicht insgeheim als „graue Theorie“ abgetan hatte -, in einen Praxisbezug. Am Beispiel eines bestehenden, erfolgreichen Netzwerkes, aus einem Verbund innovativer Automobilzulieferer (VIA) aus Nordrhein-Westfalen, zeigte er auf, wie das Netzwerk vor etwa 10 Jahren entstand, daraus Partnerschaften auch konkurrierender Unternehmen erwuchsen und sogar gemeinsame Unternehmen gegründet wurden.

„Wir haben uns selbst neu erfunden“
Dieser Verbund familien- und inhabergeführter Unternehmen unterschiedlicher Größe hat beispielsweise eine gemeinsame Einkaufsplattform, organisiert von der gemeinsam gegründeten und ausgegliederten, unabhängigen VIA-Consult die 3 bis 4 Mal jährlich stattfindenden Unternehmertreffen sowie die Arbeitskreise zu verschiedenen Sachgebieten, wie etwa Qualitätssicherung, wo sich die jeweiligen Abteilungsleiter der Mitgliedsunternehmen zum Erfahrungsaustausch treffen. Ob Mitarbeiterschulungen und Seminare für die angeschlossenen Unternehmen, ob Verträge zwischen den Partnern, die VIA-Consult gestaltet und moderiert dieses Netzwerk. „Es ist wichtig festzustellen, daß Kooperation nicht bedeutet, daß irgendeines der Mitglieder seine Unabhängigkeit oder Selbstständigkeit aufgeben muß“, so Werner Schmidt. Die Unternehmen haben inzwischen sechs oder sieben Unternehmen gegründet, wie etwa die VIAOberflächentechnik, die sich um das Entgraten et cetera der gefertigten Blechteile der Mitgliedsunternehmen kümmert als auch externe Aufträge annimmt. „Keines der Gemeinschaftsunternehmen wird in irgendeiner Weise subventioniert. Alle VIA-Unternehmen müssen auf dem freien Markt als selbstständige Unternehmen bestehen. Das hat auch dazu geführt, daß eines dieser Unternehmen geschlossen wurde, weil es einfach nicht rentabel war“, erklärt Schmidt. Daß sich die Partnerschaft auf Einkaufsseite (zum Beispiel beim Energieeinkauf et cetera) bewährt hat, zeigt dieses Erfolgsmodell deutlich.

Der Verkauf allerdings wird von jedem Einzelunternehmen natürlich weiterhin allein gesteuert, da ja, wie bereits erwähnt, auch konkurrierende Unternehmen dem Verbund angehören. Schmidts Vortrag löste dann eine Menge Fragen bei den Zuhörern aus. Wir werden daher das VIA-Modell in einer der nächsten BBR-Ausgaben detaillierter vorstellen.

Die angeregten Gespräche der Gäste, waren sicher ein Ziel von Albert Reiss, der sich sichtlich über den Erfolg der Gastredner und die verschiedenen Gesprächszirkel der geladenen Gäste freute. Der 2. Arku Info Treff nach 1998 hatte doch sicher zur Horizonterweiterung aller beigetragen. Auf der anschließenden Abendveranstaltung nahm der Arku-Geschäftführer dann die Gelegenheit war, sein Unternehmen und die wechselvolle, nun 76-jährige Geschichte, darzustellen.

Gemeinsam Stärken nutzen
Bezeichnend für seine Unternehmensdarstellung war, daß er die Brüche, die es gab und was man daraus gelernt, beziehungsweise, wie man darauf reagiert hatte, bewußt nicht aussparte: „ Anfangs der 90er Jahre, als ich die Geschäftsführung von meinem Vater übernahm, da wurde dem Maschinenbau ein goldenes Jahrzehnt prognostiziert. Der Wegfall des eisernen Vorhanges und die damit einhergehende Öffnung des Ostens versprachen gute Geschäfte. Wir dachten, daß das Wachstum im zweistelligen Bereich ewig so weitergehen würde und schwebten auf einer Wolke. Umso mehr erschreckte uns, wie sicher viele von den hier Anwesenden, die brutale Wirklichkeit. 1993 schlitterte der Maschinenbau in eine tiefe Krise“, beschrieb Albert Reiss seine harten Anfangsjahre als Geschäftsführer. Sparmaßnahmen wurden getroffen und es kam zu schmerzhaften Entlassungen. Fieberhaft arbeiteten die Arku- Ingenieure und Techniker an Innovationen. Mit der „CompactFeed“, einer kompakten Bandvorschubanlage gelang der technische Durchbruch sowohl für Arku, als auch für die Kurzbauform an sich. All das waren Konzepte, die viele Maschinenbauunternehmen in Krisenzeiten anwendeten und auch heute immer wieder reflexartig anwenden - sparen, Mitarbeiter entlassen und vielleicht mit Glück einen Kassenschlager landen. „Wir mußten uns damals neu erfinden“, erklärte Albert Reiss.

Wie tiefgreifend er sein Unternehmen umgekrempelt hat, belegen nicht nur die technischen Innovationen und das engagiert aufgebaute Qualitätsmanagement, Albert Reiss setze auf neue Modelle des Miteinanders sowohl in den Beziehungen mit seinen Geschäftspartnern, als auch bei den eigenen Mitarbeitern. „Unsere Mitarbeiter erhalten weder eine Urlaubs-, noch Weihnachtsgratifikation, und trotzdem sind sie engagiert und haben unser Unternehmen weitergebracht. Dafür möchte ich mich bei meinen Mitarbeitern ganz herzlich bedanken.“ Der Beifall der Zuhörer war ihm sicher, denn diese Aussage ist ja eigentlich eine Überraschung. Engagierte Mitarbeiter ohne Geldanreize? Nun, ganz so ist es nicht. Alle Mitarbeiter sind am Gewinn des Unternehmens und somit direkt am Unternehmenserfolg finanziell beteiligt. Arku geht also auch hier anders an die Sache heran, und neben der Erfolgsbeteiligung stehen etwa Mitarbeiterschulungen sowie gemeinsame Aktivitäten ganz weit oben auf der Liste.

Nachdem im vorvergangenen Jahr die enormen Anstrengungen aller 100 Mitarbeiter dem Erreichen der Zertifizierung nach der strengen VDA 6-Teil 4 galt (Titelthema BBR 5/6 2003, Seiten 10-12 „Auf der Jagd zum Optimum“), konnte letztes Jahr im Dezember die neue Halle gefeiert werden und natürlich noch die 75 Jahre Arku. „Im Januar diesen Jahres haben wir in Detroit, USA, eine Vertriebsgesellschaft eröffnet und sind damit unseren Kunden gefolgt“, erklärt Albert Reiss das Arku-Engagement in den USA.

Arku goes West
Damit hat das Unternehmen den „Sprung über den Teich“ gewagt, um seinen Kunden auch dort eine optimale Betreuung zu gewährleisten. Die Workshops mit Geschäftspartnern und das Denken in Netzwerken hat sich also ausgezahlt. Arku hat es verstanden eine gesunde Vertrauensbasis mit seinen Geschäftspartnern zu entwickeln. So sind zahlreiche Gemeinschafts-Anlagen entstanden, die individuelle Kundenlösungen in hoher Qualität erst ermöglichten. Wenn man bedenkt, welche Potentiale dieses kleine mittelständische Unternehmen gezeigt hat, dann wird klar, dass dieser Erfolg eben gemeinsam mit den Geschäftspartnern und Kunden erreicht wurde. Werner Schmidt, Geschäftsführer der VIA-Consult, hatte seinen Vortrag mit einem Zitat aus Friedrich Schillers „Wilhelm Tell“ beendet: „...verbunden werden auch die Schwachen mächtig“ - vielleicht eine weitere Erklärung, worauf der Erfolg des mittelständischen Maschinenbaueres fußt.

Ausgabe:
bbr 06/05/
Unternehmen:
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