23. APRIL 2018

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Ballastrevolte?


Editorial

»Ballast für unsere Wirtschaft, um die Exporte zu reduzieren? Sollen lieber die anderen besser werden!«

Wir, mehr oder weniger linke Studenten Ende der 70er-Jahre, waren überrascht und beschämt: Ausgerechnet dieser alte, versoffene Reaktionär, Wirtschaftsprofessor, öffnete uns die Augen: »Die Wirtschaft ist für die Menschen da – nicht umgekehrt. Die einzige Extenzberechtigung der Wirtschaft ist die Versorgung der Bevölkerung mit den Produkten und Dienstleistungen, die diese Bevölkerung wünscht.« Da schau her! Wenn das unsere Politiker und Beamten wüssten, die sich im Zweifelsfall immer für einzelne Unternehmen und gegen die Bevölkerung entscheiden!

Aber hatte der Professor mit seinem volkswirtschaftlichen Ansatz auch recht? Verdanken wir unsere Arbeitsplätze, unser Einkommen, unseren Wohlstand nicht der Wirtschaft? Unternehmen müssen Gewinn erzielen, egal womit, und für die Wünsche der Bevölkerung sorgt doch die Werbung. Die bbr übrigens …

Nun lehrte jener Professor nicht Volkswirtschaft und schon gar nicht Wirtschaftsphilanthropie, sondern – beinhart – Allgemeine und Industrielle BWL. Er appellierte also nicht an die Moral, sondern warnte davor, nicht auf den Markt zu ›hören‹.

Bemühen wir einmal die Historie, um die These zu verifizieren oder zu verwerfen: Wie ist wirtschaftliches Handeln überhaupt entstanden?

Das war so: Im Jahre 1.897.982 vor Christus sagte sich am Tigris eines Herbstmorgens Iiiv, eine junge Femina habilis, vorsichtig an einer ihr noch unbekannten Frucht nagend: »Viecher jagen? Keine Lust mehr! Sollen die Kerle machen! Die sind schneller. Ich sammle lieber Obst, Gemüse und Cerealien.

Wenn mir einer seine Keule anbietet, bekommt er von mir dafür eine sagen wir: Beilage – also Obst und Gemüse, versteht sich.« Mit schwindender Frucht, sozusagen aus der Hand in den Kopf, wuchs die Erkenntnis: »Überhaupt sollte jeder das tun, was er am besten kann: die jungen Männer Gazellen nachrennen, der Opa Steine zu Werkzeug klopfen, bis die Funken ins Heu fliegen, die Oma Rinde verkokeln, mit deren Pech mein Schwager, der alte Schmierfink, die bekloppten Steine an Stecken kleben kann.«

Dachts und sprachs und ergänzte: »Ihr dürft mich künftig Sapiens nennen, also die Schmeckende, Begreifende, Weise.« Die anderen sprangen empört auf, fackelfuchtelnd: »Sapiens? Du bist wohl übergeschnappt! Verschwinde! Und lass dich die nächsten 1.620.387 Jahre nicht mehr blicken in diesem äh Biotop!« Die ruckartige Bewegung war ihnen so heftig ins Kreuz geschossen, dass sie fortan unfähig waren, sich wieder auf allen Vieren fortzubewegen.

Die Ideen der samt Verehrer Eh’dem verschwundenen Iiiv aber fruchteten allmählich, die Homines erecti, wie sich die Sippe wegen der steifen Lendenwirbel nun nannte, entwickelten die Arbeitsteilung und den Handel: Jeder machte, was er konnte, und bekam, was er brauchte. Bald tauschte man sich auch mit anderen Sippen aus – der erste Außenhandel. So war das damals.

1.894.982 Jahre später erfanden die Nachkommen der erecti, die sich nun wirklich für sapiens, also begreifend, hielten, das Geld.
Womit bewiesen ist: Produktion, Arbeitsteilung und Handel sind Mittel zum Überleben, Geld ist ein Mittel, um den Handel zu erleichtern, ein Mittel, ohne das der Homo ›sapiens‹ 99 Prozent seiner Existenz gut auskam, und kein Selbstzweck. Shareholder sind eine Geldquelle, mehr nicht. Ihre Wohlfahrt ins Zentrum des Wirtschaftens zu rücken, stellt selbiges auf den Kopf.

Nun wirtschaften und handeln manche manchmal etwas besser als andere und erzielen im Außenhandel zeitweise Überschüsse, die den Unterschüssigen nicht gefallen, weil die Überschüsse den Unterschüssigen angeblich schaden. Die deutsche Industrie, besonders der Maschinenbau, ist der Motor der EU.

Wir erzielen derzeit gewaltige Außenhandelsüberschüsse, die besonders denen, die gerne die ersten sein möchten, nicht gefallen: Wir sollen gefälligst schlechter oder wenigstens teurer werden oder egal, Hauptsache weniger ex- und mehr importieren. Wie bitte? Soll die Regierung Unternehmen verbieten zu exportieren? Kann sie nicht. Warum überhaupt sollten wir uns mit Ballast beladen? Sollen doch die anderen zusehen, schlanker, besser zu werden, statt die eigenen Rohstoffe durch Zölle zu verteuern und so die Kosten aufzublähen, während wir zumindest kurzfristig vom Rohstoffpreisverfall profitieren könnten!

Anderer Vorschlag: Für die unteren Einkommen etwas zu tun, würde die Inlandsnachfrage fördern, damit auch die Importe. Die Exporte blieben fast unberührt, weil die deutsche Industrie kaum vom Niedriglohnsektor profitiert. Wenn unsere Löhne und Gehälter generell stiegen, wäre das ein gerechter Ausgleich dafür, dass der derzeitige Erfolg der deutschen Wirtschaft vor allem mit sinkendem Realeinkommen erkauft wurde. Da könnte die Politik durchaus etwas tun, denn nicht alles fiele unter die Tarifautonomie.

Hans-Georg Schätzl
h.schaetzl@verlag-henrich.de

Ausgabe:
bbr 02/2018
Bilder:
Hans-Georg Schätzl © Henrich Publikationen

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