21. NOVEMBER 2017

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Au … au … au


Editorial - Hans-Georg Schätzl

Schon 1985 war jeder zweite Mittelklassewagen von einem Wankelmotor angetrieben (Treiber der Entwicklung waren die Mittelklassehersteller Rolls-Royce und Daimler-Benz), 2020 werden mindestens eine Million E-Fahrzeuge auf deutschen Straßen rollen, und 2030 wird jedes neue Auto automatisch autonom fahren können – auf die Vorhersagen von Experten und Politikern ist stets Verlass. Schaun mer mal, wie Lichtgestalten gerne sagen! Oder auf gut bairisch: Schaungmaramoi!

Gut – die erste Prognose, in den späten 60er-Jahren getroffen, wurde knapp verfehlt; umso zuverlässiger werden die beiden anderen zutreffen. Die erste Zahl wurde sogar schon weit übertroffen: Über drei Millionen elektrisch angetriebene Roller mit Pedalunterstützung bewegen sich bereits unter Ü-80ern und denen, die es werden wollen. Wenn man dann noch alle Elektrorasenmäher auf die Straße stellt, auf dass sie sich schätzen ließen, könnte noch einmal eine halbe Million dazukommen. Da fallen 30.000 Elektroautos kaum ins Gewicht. Vielleicht werden es in drei Jahren sogar 50.000 sein in Deutschland – fast halb so viele wie derzeit im bevölkerungsreichen Norwegen.
So schnell, wie sich die Software entwickelt, könnte auch Prognose 3 zutreffen, selbst wenn noch einige Punkte zu klären sind, und zwar weltweit einheitlich. Die Frage ist nur, wie zuverlässig das alles in unserem Blechspielzeug funktioniert, und zwar in jeder Situation. Da wir noch einige Jahrzehnte Mischverkehr mit konventionellen Fahrzeugen haben werden, wird das sicher lustig – doch dazu später. Ich fahre ein teilautonomes Auto mit spanischem Namen, von einem norddeutschen, derzeit übel beleumundeten Hersteller in Tschechien gebaut, das in Hinsicht Sensorik, Automation und Automonomie schon etwas mehr vermag als sein Vorgänger, der nur automatisch auf- und abblenden konnte, was er auf der Landstraße in etwa 80 und auf der Autobahn in etwa 20 Prozent der Fälle richtig machte.
Der fünf Jahre jüngere Nachfolger hat etwa die gleiche Erfolgsquote, also praktisch nichts dazugelernt. Etwas erfolgreicher absolviert er das Erkennen von Geschwindigkeitsbeschränkungen: Zumindest in größerer Entfernung vom Flughafen Hallbergmoos kommt er auf deutlich über 90 Prozent Trefferquote. Das sollte reichen. Sehr zuverlässig, schätzungsweise zu 100 Prozent, werden Fahrzeuge im Toten Winkel erkannt, nicht immer aber vorausfahrende: Der Stau- oder Abstandsassistent, oder welcher auch immer, hat manchmal einen Vogel. Doch machen wir einen kleinen Umweg, denn der Abstandsassistent verhält sich zumindest auf Autobahnen und ähnlichen Straßen sonderbar: Rechts ist er übervorsichtig, bremst sogar für Fahrzeuge, etwa Abbieger, auf anderen Spuren oder für Leitplanken in Kurven, die er eigenlich im Navi sieht, mit dem Abstands- und Stauassistent aber nicht verknüpft sind; auf der linken Spur dagegen lässt er gerne das weibliche Borstenvieh raus und drängelt so massiv, dass es jedem anständigen Fahrer peinlich ist. Zum Ausgleich für das zu späte Bremsen beschleunigt er auch zu spät wieder, was die Staubildung ebenfalls beschleunigen kann. Außerdem erkennt er Einscherer erst, wenn sie sich richtig breit gemacht haben (selbst die wenigen, die rechtzeitig, nämlich vorher, blinken), das übernächste Fahrzeug gar nicht. Mit anderen Worten: Der Fahrer muss noch sehr oft eingreifen, und sobald er das Bremspedal berührt, sind Tempomat, Abstands- und Stauassistent ausgeschaltet.
Und jetzt kommts, nämlich das mit dem Vogel: Aktiviert man den Tempomaten wieder, kann es passieren, dass er im Stau ein mehrere Meter vorausfahrendes Fahrzeug ignoriert und auf die eingestellte Geschwindigkeit beschleunigt. Griffe der Fahrer nicht ein, wäre ein Auffahrunfall vom Feinsten die Folge. Und raten Sie mal, wer dann schuld ist! Ein Bekannter erzählte mir neulich, ein Händler habe ein Oberklassefahrzeug des gleichen Konzerns auf diese Weise an einer Mauer gecrasht. Fakenews? Leider kann ich jenes Verhalten noch nicht sicher reproduzieren, aber ich arbeite daran. Ich habe zumindest schon einige auf der Liste, die
Was ich damit sagen will: Holzauge, sei wachsam! Eine Software, die nur in 90 Prozent aller Fälle die richtigen Maßnahmen einleitet, ist unbrauchbar. Selbst 99,999999 Prozent reichen nicht.
Stichwort lustig: Ich werde es leider nicht mehr erleben, aber wenn Sie Mitte 30 oder jünger sind, sollten Sie gut auf Ihr nichtautonomes Schätzchen aufpassen, um im Alter Ihren Spaß zu haben. Denn da alle autonomen Fahrzeuge extrem defensiv eingestellt sein müssen (wie jener metallicblaue R8 auf der A 92, der auffallend lange mit Riesenabstand hinter mir blieb), können Sie mit Ihrer alten Kiste bei jeder Ausfahrt ein kleines Chaos verursachen – frech, aber ganz legal.

Hans-Georg Schätzl
h.schaetzl@verlag-henrich.de

Ausgabe:
bbr 06/2017
Unternehmen:
Bilder:
Henrich Publikationen

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