21. NOVEMBER 2017

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Die beißen nicht ...


Editorial

Gut gemaunzt, Katerchen! Der immer noch amtierende Verkehrsminister hat Ende Juli gnadenlos zugeschlagen und sich mit 6.000 Wählern des Lieblingskoalitionspartners angelegt. Die Eigner der viel häufigeren Stiefschwestermodelle mit dem gleichen Dieselmotor – wohl zu 90 Prozent ›seine‹ Wähler – lässt er vorerst und vorsichtshalber in Ruhe (Stand: Ende August).

 Auch andere Politiker zeigen so kurz vor der Bundestagswahl Aktionismus und drohen der Automobilindustrie mit dem Finger – leider nicht unbedingt mit dem richtigen. Entsprechend beeindruckt, zerknirscht und reuevoll zeigen sich die Adressaten, haben sie doch so ihre Erfahrung mit unnachgiebigen Politikern. Schließlich haben sich alle Bundeskanzler und -minister stets eisern an ihren Amtseid gehalten, Schaden vom deutschen Volk abzuwenden – zumindest die, die sich noch daran erinnern konnten. Die anderen haben strengere EU-Vorschriften verhindert, um den Bau schwerer Limousinen nicht zu behindern.

Um den Schadstoffausstoß zu verringern, wollen einige Politiker den Diesel nicht abschaffen, sondern fördern unter dem Motto: aus alt mach neu. Steuerlich fördern natürlich. Für die Betrügereien in der Vergangenheit sollen nicht etwa die Betrüger büßen, sondern die dummen Betrogenen, als Käufer und als Steuerzahler, also doppelt. Wenn man einen Juwelier beim Verkauf unechten Schmucks ertappt, zahlen ihm dann auch Staat und Kunden zu, damit er neue, vielleicht ein bisschen echtere Ware herstellen kann? Was geht nur in manchen Hirnen vor?

Über 100.000 Tote pro Jahr sollen die Stickoxide aus Dieselabgasen jährlich weltweit verursachen, auf die EU sollen etwa 11.000 entfallen, für Deutschland könnten demnach rund 2.500 herauskommen – fast genauso viele, wie direkt im Verkehr umkommen. Feinstaubopfer sind da noch nicht berücksichtigt. Zweifellos haben die verantwortlichen Politiker und Beamten nicht genug dagegen getan. Haben sie also versagt? Nicht unbedingt. Es könnte schlicht und einfach der Wille gefehlt haben, etwas zu tun. Was sind schon jährlich 2.500 Tote gegen 700.000 Arbeitsplätze?

Kein Wunder, dass die Tages- und Wirtschaftspresse diese Toten für vernachlässigbar hält! Geht es doch jetzt vor allem um (nicht so leicht nachweisbar) unerlaubte Kartelle der PKW-Hersteller und die Milliardenstrafen, die dafür vielleicht fällig werden. Immerhin flösse mit diesen Strafen etwas an die Allgemeinheit zurück. Das seien die wahren Probleme, erklären uns die Kollegen, was wir Normalsterblichen nur noch nicht verstanden hätten. Was wir simplen Gemüter schon verstanden haben: Verbraucher wie Zulieferindustrie werden durch solche Kartellabsprachen massiv geschädigt, noch mehr aber alle Sauerstoff atmenden Landbewohner, sogar Wirtschaftsexperten, denen man das nicht gleich anmerkt.

Dass Automanager in den Knast müssen, kann sich niemand so recht vorstellen. Obwohl: Ihr Handeln könnte aber ursächlich für den Tod von Menschen sein, den sie billigend in Kauf genommen haben; sie könnte heimtückisch und aus einem niedrigen Beweggrund (Habgier) gehandelt haben. Nur Grausamkeit und Mordlust dürfte jenen Leistungsträgern schwer nachzuweisen sein. Auch nicht jenen osteuropäischen Transportunternehmern, die die eigentlich hochwirksamen Denox-Anlagen ihrer nagelneuen Nutz(?)fahrzeuge aus Kostengründen überbrücken. Die Adblue-Einsparung verringert die Spritkosten gerade mal um 2,5 Prozent, also keine zehn Euro pro Tag und Maschine (so nebenbei: Bei unseren Pseudo-Euro-6-PKW kostet Adblue nur etwa 0,6 Prozent vom Dieselöl, deshalb sind sie so schmutzig).

Stilllegen könnte man solche Schad(!)fahrzeuge sofort, fände man sie nur. Deutscher Polizei und deutschem Zoll fehlt es aber an Personal und Ausrüstung. Die Politiker sind seit Jahren inaktiv, auch und gerade die, die mehr innere Sicherheit zu wollen vorgeben. Die beißen nicht, die wollen nur spielen. He, Ihr! Ich möchte mehr Sicherheit in meinem Inneren: in meinen Lungen, in meinem Blut!
Eine 85-Prozent-Mehrheit im künftigen Bundestag wird nicht nur veraltete Braun- und Steinkohlekraftwerke schützen, sondern auch veraltete Verkehrskonzepte. Selbst der propagierte, aber nur halbherzig geförderte Elektroantrieb ist eine Scheinlösung, so lange sich der Strommix nicht grundlegend ändert. Für schadstoffarme Antriebe auf Methan- und Wasserstoffbasis fehlt die Infrastruktur.
Zwar ist es maßlos übertrieben, der europäischen Automobilindustrie den baldigen Untergang wegen veralteter Technik zu prophezeihen, aber entwicklungsfördernd ist es nicht, wenn die Politik den Status quo konserviert – auch nicht fördernd für die Zulieferindustrie, zu der ein großer Teil der Blechverarbeiter gehört.

Immerhin: Wie die Autos der Zukunft auch angetrieben werden – sie werden zu einem Großteil aus Metall bestehen, und dieses Metall muss geschnitten, gefügt und oberflächlich behandelt werden. Da die einschlägigen Verfahren nicht unter dem Deckmantel der Politik verborgen, sondern ständig weiterentwickelt werden, werden auf der Schweissen & Schneiden 2017 vom 25. bis 29. September in Düsseldorf nur Techniken auf dem neuesten Stand zu finden sein und viele anständige Menschen.


Hans-Georg Schätzl
h.schaetzl@verlag-henrich.de

Ausgabe:
bbr 05/2017
Bilder:
Henrich Publikationen

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