14. DEZEMBER 2017

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Verworr'n in the USA


Editorial

Es ist erst wenige Jahre her, dass ich in Kroatien zu einer Reportage für einen Richtmaschinenhersteller unterwegs war – zufällig der gleiche, um den es in der aktuellen Titelgeschichte geht. Das besuchte Unternehmen war quasi aus dem Nichts entstanden. Höchste Qualität der Produkte und der Produktionsmittel waren die Erfolgsfaktoren und natürlich die Umtriebigkeit des Unternehmers. Dessen Motto: »Für Billiges bin ich nicht reich genug.« Wer billig kauft, kauft bekanntlich zweimal.

Dieser Unternehmer fährt ein deutsches Auto mit deutschem Kennzeichen, denn im Westerwald hat er eine Niederlassung. Er denkt international. Auftreten und Einstellung sind weltmännisch. Trotzdem ist er seinen Mitbürgern ein Kumpel – ein Millionär zum Anfassen. Vermutlich ist er zwar ein Patriot, aber kein Nationalist. Der Unterschied: Ein Patriot liebt sein Land, seine Sprache, seine Kultur; ein Nationalist verachtet, hasst und fürchtet die anderen.

Über die Serben hatten wir nicht gesprochen, sonst wäre vieleicht schlagartig Schluss gewesen mit lustig. Es war der Nationalismus im zerfallenden Jugoslawien, der Anfang der Neunziger zu bis dahin in Europa seit 1945 nicht mehr vorstellbaren Massakern geführt hatte. Es ist so gut wie immer völkischer oder religiöser Fanatismus, der zu solchem Irrsinn führt, ihm zumindest die Richtung gibt: der Balkan, die irische Insel, Zentralafrika, Vorder- und Zentralasien, In Lennons ›Imagine‹ folgen die Zeilen »nothing to kill or die for, and no religion too« nicht zufällig unmittelbar aufeinander.
Das Beispiel Balkan zeigt aber auch, dass es in Völkern, die gegen ihren Willen zusammengeschlossen werden, Fanatiker immer wieder schaffen, Lunte zu legen und einen Flächenbrand zu entflammen.

Außerhalb des Balkans spielten nationalistische Bewegungen vor fünf Jahren noch keine Rolle, heute dominieren sie die Politik vieler Länder. Vor allem Völker, die früher einmal groß und mächtig waren, flippen gerne aus. Ob das Großreich vor 100 oder vor 1000 Jahren zusammenbrach, spielt anscheinend keine Rolle.

Viele Völker in der EU beklagen die deutsche Dominanz, vor allem wohl die Polen. Bei unseren Nachbarn glaubt man einen geradezu reflexhaften Antagonisums gegen jede Idee aus Deutschland zu erkennen. Das ist historisch nachvollziehbar, denn die Polen hatten oft keinen eigenen Staat, wurden häufig von ihren Nachbarn bedroht, besetzt und geteilt. Deutschland andererseits scheint aufgrund der schlechten historischen Erfahrung etwas weniger anfällig für Nationalismus zu sein, zudem geht es uns am besten in Europa – wir sind mit Abstand die größte Wirtschaftsmacht auf dem Kontinent.
Wenn die Ungarn, zumal als Sprachinsulaner, befürchten, unter die Räder zu kommen, kann man das noch verstehen, aber dass auch viele Russen von solchen Ängsten geplagt sind? Wohlgemerkt russische Russen, nicht russische Minderheiten in Moldawien oder sonstwo. Patriotismus nannten junge russische Eltern kürzlich bei einer Straßenumfrage als wichtigstes Bildungsziel für ihre Sprösslinge.

Ist es zum Weinen oder zum Lachen, wenn sogar die Bewohner der mächtigsten Länder das paranoide Gefühl haben, nichts mehr zu gelten? Vor allem die Amerikaner – also nicht die in Haiti oder Honduras, sondern die in den USA – lechzen nach mehr Weltgeltung: »Make America great again!« Früher: »Buy American!« Dass es dem US-Mittelstand immer schlechter geht, liegt aber nicht an den vielen Importautos, sondern an der industrie- und mittelstandsfeindlichen Wirtschaftsideologie und der bescheidenen Qualität der eigenen Fahrzeuge, die – von wenigen Ausnahmen abgesehen – zumindest in Europa keiner haben will. Jedes hiesige Schulkind könnte dem Blondesten aller Präsidenten erklären, warum nur wenige amerikanische Autotypen eine Chance bei uns haben und mangelnder Wettbewerb infolge von Protektionismus die Lage eher verschärft.

Auch im Werkzeugmaschinen-Sektor gibt es nur noch eine Handvoll US-Produzenten, die weltweit wettbewerbsfähig sind – und machen. Die US-Autobauer sind also auf japanische und europäische Anlagen angewiesen und werden ihrer Regierung etwas husten, wenn diese Investitionen verteuert. Bleibt die Politik dennoch hart: Etwa ein Zehntel der deutschen Werkzeugmaschinen geht nach Mittel- und Nordamerika. Ein Rückgang wäre also zu verkraften.

Die wichtigsten Kunden unserer Branche – Europas Autobauer und ihre Zulieferer – werden mittelfristig die Produktionen so umlagern, dass die Absatzmengen in den USA nicht einbrechen. Die Fahrzeuge werden halt etwas teurer für die US-Kunden (für Premium-Marken nicht unbedingt ein Nachteil) – wie übrigens auch die meist aus Mexiko kommenden Küchenmaschinen und -geräte.

Wünschen wir der US-Wirtschaft dennoch viel Erfolg, damit die USA endlich ihre jahrzehntealten Milliardenschulden bei den Vereinten Nationen bezahlen können!

Hans-Georg Schätzl
h.schaetzl@verlag-henrich.de

Ausgabe:
bbr 03/2017
Bilder:
Henrich Publikationen

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