06. DEZEMBER 2016

zurück

kommentieren drucken  

Nicht nur Grillkohle


Globo/Polen

Ein kaum entdecktes Land ganz in der Nähe: Ohne EU- oder Euro-Krise und Einwohner mit anarchistischer Ader. Milliarden werden dort investiert – von Deutschen. Elektriker können dort Präsident werden, Revolutionäre und Anarchisten Friedensnobelpreisträger und katholische Männer sogar Papst: Polen.
Mehrseitiger Artikel:
1 2  

Das Land, aus dem unsere Grillkohle kommt, 60000 Tonnen, jedes Jahr. Ein Land, in das für etwa 37 Milliarden Euro deutsche Exporte gehen, dieses Jahr, so die Prognosen. Polen, EU-Mitglied seit 2004, immer noch nicht in der Euro-Zone, liefert noch andere Produkte für mehr als 40 Milliarden Euro nach Deutschland: Vor allem Maschinen und Maschinenteile, Fahrzeuge und Fahrzeugteile, industrielle Vorprodukte, Fertigwaren, Nahrungsmittel, Möbel und chemische Erzeugnisse. Nicht nur Erdbeeren und Mastgänse. Vielleicht auch Ihr Samsung-Handy, die Waschmaschine, Kühlschrank oder Flachbild-Fernseher. Viele Fiat-Fahrzeuge, VW-Motoren oder modernste Lokomotiven kommen auch – aus Polen.

Polen ist also großer Produzent von Haushaltsgeräten und Haushaltselektronik, von Brauner und Weißer Ware, vom Flachbildschirm-TV und Audio-Geräten bis zum Handy: Produzenten wie LG Electronics und Samsung haben dort Marktanteile von jeweils mehr als 20 Prozent. Aber auch Sharp ist da, Videocon aus Indien und andere Elektronik-Hersteller. Sie produzieren kostengünstig, auch Smartphones: Ein heimisches Produkt gibt es für unter 100 Euro – im Supermarkt, der ›Marienkäferchen‹ heißt.
Die Produktionsstandorte von LG Electronics liegen in und um Wroclaw, früher Breslau, für Samsung unter anderem in Wronki bei Poznan: Hier sollen bis 2015 jährlich allein 1,5 Millionen Kühlschränke produziert werden. Viel Stahl und Blech wird da gebraucht, aus binnenländischen und internationalen Quellen. Der Export geht dann zu etwa 80 Prozent in die EU.

Eine wichtige Rolle spielen in Polen Standorte, die zur ›Sonderwirtschaftszone‹ erklärt werden und damit Subventionen und Steuervergünstigungen auslösen. Davon hat auch der VW-Konzern profitiert, am Standort Poznan (Posen), vom VW-Werk Motor Polska SA in Polkowice ist es nicht bekannt. Um Wroclaw und zahlreiche Industrie-Standorte, überall begünstigte und subventionierte ›Sonderwirtschaftszonen‹. Manche meinen – zu viele.

Mit Subventionen machten die traditionellen polnischen Werften der Ostseeküste schlechte Erfahrungen, weil Rückzahlungen bis zu 1,25 Milliarden Euro gefordert wurden und Konkurs drohte. Die EU wollte, dass die Werften in Gdynia und Szczecin (Gdingen und Stettin) deswegen Vermögen veräußern und fusionieren. An den alten Standorten Szczecin und Gdynia sollte ein neues, marktfähiges Unternehmen entstehen – mit ausländischem Eigentümer. Ausgang ungewiß.

Die drei großen Werften in Danzig, Gdingen und Stettin sind wichtige Arbeitgeber in der strukturschwachen Ostsee-Region. Zehntausende Arbeitsplätze hängen vom Schiffbau ab: Bei Zulieferern, Subunternehmern und den Werften selbst, auf denen etwa 13000 Menschen arbeiten. Rund 30000 Menschen leben in Polen direkt vom Schiffbau, viele indirekt. Die Danziger Werft leitete 1980 durch ihren Streik und den Streikführer Lech Walesa den Fall des Kommunismus ein. Um auf dem Weltmarkt gegen Schiffbauer in Südkorea, China und Japan bestehen zu können, haben sich die Werften längst spezialisiert: Auf Containerschiffe, Chemikalientransporter oder auf Autotransporter. Die polnischen Schiffbauer haben gut gefüllte Auftragsbücher, berichtet die Fachpresse: Hier wird Stahl verarbeitet, Blech gebraucht und Stahlbau benötigt, Material, Halbzeuge und Tausende von Zulieferern und Unterlieferanten. Eine Werften-Schließung wäre eine wirtschaftliche und politisch-historische Tragödie.

In den letzten 20 Jahren, nach der polnischen Wende, hat sich das landwirtschaftlich und schwerindustriell geprägte Polen zu einer modernen Volkswirtschaft mit bedarfsorientierter Industrieproduktion und einem starken tertiären Sektor gewandelt: zu einem interessanten Ziel für ausländische Milliarden.

Besonders Städte im Westen und Südwesten profitierten von den Umwälzungen und entwickelten sich zu starken Wirtschaftsregionen. Dieser ›Korridor‹ reicht von der Ostsee um die Städte Gdansk, Gdynia, Sopot über die Hauptstadt Warschau (Warszawa) bis in den Süden nach Katowice und Krakau (Krakow). Die südpolnischen Gebiete, mit traditioneller Schwerindustrie, zogen internationale Investoren an. Oberschlesien mit dem Industriezentrum Katowice (Kattowitz) trägt heute etwa ein Fünftel zum industriellen Output Polens bei. Wichtige Städte sind auch das ehemalige Textilzentrum Lódz, die Messestadt Poznan sowie Wroclaw (Breslau), der Wirtschaftsmotor im Südwesten Polens.

Auch im Südosten, im Karpatenvorland, hat das Deutsche Polen-Institut Darmstadt ein Industrie-Konglomerat der Fahrzeug- und Luftfahrt-Industrie entdeckt, in und um Rzeszow. Dort liegt ein Industrie-Cluster von 75 Unternehmen mit mehr als 22000 Beschäftigten, im sogenannten ›Aviation Valley‹. Unter den weltweiten Luftfahrt-Clustern rangiert es auf Platz 6.


Mehrseitiger Artikel:
1 2  

kommentieren drucken  


ANZEIGE

 

 
» Finden Sie weitere Fachartikel in unserem Artikelarchiv

  Jetzt Newsletter
abonnieren!


Themenvorschau bbr (PDF)

bbr Bänder Bleche Rohre - Themenvorschau

   Themenvorschau 7-2016

bbr Sonderhefte und Supplements