13. DEZEMBER 2017

zurück

kommentieren drucken  

Brückenbau im Blickfeld


Die Brücken Deutschlands sind in die Jahre gekommen und müssen saniert oder neu gebaut werden. Frust schieben die Autofahrer, die immer häufiger in Staus stehen, weil an den Bauwerken gearbeitet wird. Mancher findet allerdings eher Gefallen am Thema Brücken. Denn in Europa entstehen sehenswerte Hängeseilbrücken für Fußgänger, mit denen der Tourismus angekurbelt wird. Macht alles unterm Strich einen Umsatzgewinn für Draht-, Seil- und Kabelhersteller.

Gerade in Deutschland hängen einige Brücken in den Seilen. Politik und Wirtschaft sind von der Schieflage alarmiert und sorgen sich um die maroden Bauwerke. „Staus nerven täglich Tausende Pendler“, bemerkt Klaus Engel, Moderator des Wirtschaftsbündnisses „Initiativkreises Ruhr“ und Vorstandsvorsitzender des Chemiekonzerns Evonik. Auf einigen Autobahnen sind Fahrspuren gesperrt oder Lkw können sanierungsbedürftige Brücken nicht passieren. Der Appell des Evonik-Chefs: „Der Verkehr im Ruhrgebiet, dem industriellen Herzen Europas, muss ungehindert rollen können.“ Engel nennt zwei prägnante Beispiele. „Die maroden Autobahnbrücken bei Leverkusen und Duisburg zeigen, wie notwendig nachhaltige Investitionen in die Verkehrsinfrastruktur sind.“

Dieter Rosenthal, Vorstandsmitglied des Maschinen- und Anlagenbauers SMS Siemag, ergänzt: „Wir haben Schwierigkeiten, unsere großen Anlagenteile zum Bestimmungsort zu transportieren. Da immer mehr Brücken für Schwerlaster gesperrt sind, müssen wir mit unseren über 100 Tonnen schweren Komponenten große Umwege in Kauf nehmen. Das führt zu erheblichen Verlängerungen der Lieferzeiten – während die Kunden genau das Gegenteil von uns erwarten.“

Handlungsbedarf
Dass Handlungsbedarf besteht, ist mit Zahlen zu belegen. Im Netz der Autobahnen und Bundesstraßen Deutschlands gibt es aktuell rund 39.000 Brücken und etwa 51.000 Teilbauwerke mit einer Fläche von über 30 Millionen Quadratmetern. Von den rund 51.000 Brücken-Teilbauwerken im Netz der Bundesfernstraßen wurden „2.200 Teilbauwerke ermittelt, die entsprechend der Dringlichkeitsreihung höchste Priorität haben und vordringlich nachzurechnen sowie gegebenenfalls zu ertüchtigen sind“, formuliert das Bundesministerium für Verkehr.

Es gibt also viel zu tun und zu investieren – auch die Seil-, Draht- und Kabelhersteller sind gefordert, mit verlässlichen Produkten die Straßen Deutschlands fit für die Zukunft zu machen. Und dafür nimmt das Bundesverkehrsministerium reichlich Geld in die Hand. „In den Jahren 2015 bis 2017 werden mehr als eine Milliarde Euro für die Brückenmodernisierung in dem Sonderprogramm zur Verfügung gestellt“, so das Ministerium weiter.

Sonderprogramm
Das Bundesland Nordrhein-Westfalen trifft es besonders hart. Allein an der Sauerlandlinie befinden sich 32 Großbrücken. Größtenteils müssen sie neu gebaut werden. Das Geld für Investitionen in Brückenneubau und -sanierung aus dem Sonderprogramm ist gut angelegtes Geld: Denn Sanierungsbedarf gibt es bei zahlreichen Brückenseilen. Schäden kommen vor allem in der Beschichtung vor. „Darunter können die Seile korrodieren oder es kann zu einzelnen Drahtbrüchen kommen“, erläutert Nicole de Witt, Brückenexpertin bei der deutschen Bundeslandeinrichtung „Straßen.NRW“.

Die Praxis zeigt: „Hängeseile können gut ausgetauscht werden, die Tragseile einer Hängebrücke in der Regel nicht“, erklärt de Witt. Bei Schrägseilbrücken sei ein Austausch von Einzelteilen möglich. Bei Seilbündeln von Schrägseilbrücken seien bereits im Einzelfall Seilspreizungen vorgenommen worden, um den Korrosionsschutz für die Zukunft besser instand halten zu können. Hier komme es immer auf die einzelne Konstruktion an.

Höhere Ansprüche
Die Ansprüche an heutige Brückenseile sind hoch. Zu den grundlegenden Anforderungen gehören Tragfähigkeit, Dauerhaftigkeit, Prüfbarkeit und Gestaltung. Neben den Seilen gibt es zahlreiche weitere „wunde Punkte“. Dazu gehören sogenannte Verschleißteile wie Geländer, Belag, Kappen, Schutzeinrichtungen, Lager, Fahrbahnübergänge und der Korrosionsschutz.“ Im Fokus bei der Instandsetzung stehen außerdem Schäden am Beton.

Welcher Brückentyp als Ersatz zu bauen ist, lässt sich oft nur im Einzelfall entscheiden. Zu bedenken sind etwa Verkehrslasten oder der Standort. Seilbrücken wie Hänge- und Schrägseilbrücken sind vor allem dann als Brückentyp vorgesehen, „wenn besonders große Längen zu überbrücken sind“, ergänzt de Witt. „Man kann sicherlich sagen, dass manche Konstruktionen mehr Risiken bergen“, so de Witt.

Öffnung Europas
Doch wie kommt es zu dem hohen Sanierungsbedarf bei Brücken? De Witt: „Sämtliche Brücken sind heute Belastungen ausgesetzt, die bei ihrer Planung und ihrem Bau vor 50 Jahren nicht vorherzusehen waren.“ Dazu gehören zum Beispiel das zulässige Gesamtgewicht eines LKWs sowie der Fall der Mauer und die Öffnung Europas, wodurch sich die Verkehrsfrequenz erhöhte. Auch die Schwertransporte haben zugenommen.

Die Zeiten nach dem Zweiten Weltkrieg sind nicht zu vergleichen mit heute. „Das Material war knapp und man ist sicherlich an seine Grenze gegangen“, so de Witt. „Heute kann man von diesen Erfahrungen profitieren, es sind bessere Materialien und Modelle verfügbar.“ Bei der theoretischen Nutzungsdauer von Brücken wird übrigens von 70 bis 100 Jahren ausgegangen.

Europaweit 2.000 Vorhaben
Beispiel Leverkusener Rheinbrücke: Die mit zwei Fahrspuren plus Standstreifen ausgestattete Leverkusener Rheinbrücke galt in den 60er Jahren als ein zukunftsweisendes Stück Infrastruktur. Doch der Wandel der Zeit hat sie eingeholt: Einst konzipiert für 40.000 Kraftfahrzeuge pro Tag, hat die Brücke heute mit 120.000 Fahrzeugen täglich ihre Belastungsgrenze erreicht. „Den wachsenden Verkehr der Zukunft – 160.000 Fahrzeuge täglich sind 2025 prognostiziert – kann sie nicht mehr tragen.“ Fachleute attestieren der Brücke einen kritischen Zustand. Mit der Sanierung der Leverkusener Rheinbrücke wurde bereits begonnen. Bei den Arbeiten wurden die freigelegten Schweißnähte in den acht Seilkammern in Augenschein genommen. Letztlich wird die fast 50 Jahre alte Brücke aber durch einen Neubau ersetzt.

Hängeseilbrücken als Tourismus-Magnete
Nicht bei allen Brücken geht es darum, Waren zum Zielort zu bewegen oder wichtige Dienstleistungen zu ermöglichen. Auch der Tourismus setzt in einigen Regionen auf diese Bauwerke. Gerade in den vergangenen Jahren ist ein Trend zu beobachten: Zahlreiche Hängeseilbrücken wurden errichtet – für Passanten mit Erlebnisfaktor und sehenswerten Aussichten. Wandertouristen nehmen die Bauten dankbar an.

Beispiel Stubnerkogelbrücke: Die 140 Meter lange Brücke auf dem Stubnerkogel im österreichischen Bad Gastein ist in 2.300 Metern Höhe ganzjährig begehbar – mit beeindruckendem Blick auf schneebedeckte Berge. Damit ist sie die höchstgelegene Hängebrücke Europas. Schwindelfreiheit ist bei der gerade mal einen Meter breiten schwingenden Seilkonstruktion notwendig – nur ein Geländer aus Maschendraht trennt Abenteuer suchende Gipfelstürmer vom 28 Meter tiefen Abgrund. Die Lauffläche ist blickdurchlässig. Trag- und Windseile begrenzen den Schwingungsspielraum.

340 Meter Spannweite
Als Tourismusattraktion etablierte sich auch die Hängebrücke Aletschgletscher in der Schweiz. Sie führt über die Schlucht der Massa und ermöglicht die Talquerung nach Belalp. Die Brückenkonstruktion ist ausgerüstet mit einem Tragseil, das einen Durchmesser von 40 Millimetern besitzt. Die Mindestbruchlast des Seiles beträgt 1536 Kilonewton. Die 124 Meter lange Brücke wiegt 8080 Kilogramm und verfügt über einen ein Meter breiten Laufsteg.

Im deutschen Mörsdorf im Hunsrück will eine Initiative einen neuen Rekord aufstellen. Geplant ist eine Hängeseilbrücke am Mückenberg über das hundert Meter tiefe Tal des Mörsdorfer Baches. Mit einer Länge von 360 Metern erreicht sie nach Fertigstellung im Herbst dieses Jahres einen Spitzenwert als längste Hängeseilbrücke nördlich der Alpen. Das Projekt kostet eine Million Euro, 55 Prozent der Nettokosten erhält die lokale Aktionsgruppe als zusätzliches Geld zur Förderung des Brückenprojektes.

Aufgehängt an sechs Lastseilen
Die Hängeseilbrücke Mörsdorf-Sosberg wird als unversteifte Konstruktion nach dem Vorbild der Nepalesischen Hängeseilbrücke errichtet. Sie wird an insgesamt sechs Lastseilen aufgehängt. Parallel zu den Lastseilen sind parabolisch abgespannte Windlastseile vorgesehen, an denen die Wind-Querseile zur Brücke befestigt werden. Dies ermöglicht es, dass Schwingungen der Gesamtkonstruktion abgedämpft werden. „Die Anordnung verleiht der Brücke die nötige Stabilität“, erläutert Kirchhoff. Verankert im Fels werden die Windlastseile mit flexiblen Ankersystemen.

Die tragende Konstruktion besteht aus zwei oberen Tragseilen, die gleichzeitig als Handlauf dienen, und vier unteren Tragseilen. Die Stahlseile weisen jeweils einen Durchmesser von 40 Millimeter auf. Eine Konstruktion, die extrem Wind und Wetter ausgesetzt ist, muss widerstandsfähig sein. Daher werden sämtliche tragenden Stahlseile als vollverschlossene Stahlseile ausgeführt und erhalten eine Galvan-Verzinkung nach EN 1461 als Korrosionsschutz.

Sicherheit hat Priorität
Die Sicherheit der Fußgänger hat oberste Priorität bei den Planungen: Als Absturzsicherung werden parallel zum Laufsteg zwischen Ober- und Untertragseil je Seite vier horizontale Stahlseile von einem Durchmesser von zehn Millimeter zwischen den Querrahmen montiert. Vor die Stahlseile wird ein Maschendrahtgitter von 1,20 Meter Höhe als flächige Absturzsicherung angebracht. Die oben liegenden Tragseile dienen als Handlauf. An beiden Enden der Brücke werden wiederum Pylone montiert. Sie sollen die Umlenkkräfte der Tragkabel zu den Fundamenten leiten.

Beifall für die Branche
Umsätze winken der Branche auch bei den Brücken für Pkw- und Lkw-Verkehr, denn der Neubau- und Sanierungsbedarf in den kommenden Jahren ist groß. Die Anbieter von Draht, Kabeln und Seilen tragen mit ihren Produkten dazu bei, den Frust der Autofahrer zu lindern. Keine Frage, die Branche fährt bei Brücken auf einer grünen Welle – und erhält dafür auch Beifall. Zu sehen sind neueste Technologien aus der Draht- und Kabelbranche vom 4. bis 8. April 2016 auf der Wire Düsseldorf.

Datum:
02.09.2015
Unternehmen:
Bilder:
Messe Düsseldorf
Messe Düsseldorf

kommentieren drucken  


ANZEIGE

 

 
» Finden Sie weitere Produktmeldungen in unserem Produktarchiv

  Jetzt Newsletter
abonnieren!


Themenvorschau bbr (PDF)

bbr Bänder Bleche Rohre - Themenvorschau

   Themenvorschau 7-2017