29. AUGUST 2016

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Silberstreif am Horizont


Fokus Stahl

Obwohl sich in der Stahlindustrie die Erholung, die Mitte des vergangenen Jahres begann, weiter fortgesetzt hat, müssen die Korken noch in den Sektflaschen bleiben, denn die Lage bleibt weiterhin fragil.

Den erfreulichen Konjunktursignalen der letzten Monate zum Trotz bleibt nach Ansicht von Hans-Jürgen Kerkhoff, dem Präsidenten der Wirtschaftsvereinigung Stahl und Vorsitzenden des Stahlinstituts VDEh, der Ausblick für die Stahlkonjunktur verhalten optimistisch. Einer der Gründe: Die stahlbasierenden industriellen Wertschöpfungsketten werden in diesem Jahr den voraussichtlich größten Rohstoffkosten-Schock seit der Ölkrise zu verkraften haben. Die Preisexplosion auf den Rohstoffmärkten könnte deshalb den beginnenden Aufschwung gefährden.

Produktion hat kräftig angezogen
Zur aktuellen Lage: Die Rohstahlproduktion wird nach den Ausführungen von Kerkhoff in diesem Jahr um etwa 15 Prozent auf rund 38 Millionen Tonnen zulegen. Dies entspricht allerdings dem oberen Rand des ursprünglichen Prognosespektrums, das Ende 2009 festgelegt wurde. Eine mögliche Anhebung dieser Prognose nach oben halten die Experten der Wirtschaftsvereinigung Stahl angesichts der nach wie vor bestehenden erheblichen Risiken zum jetzigen Zeitpunkt aber für verfrüht.

Im ersten Quartal wurden 10,9 Millionen Tonnen Rohstahl erschmolzen. Dies stellt das beste Quartalsergebnis seit Mitte 2008 dar und entspricht einem Zuwachs von etwa 50 Prozent gegenüber dem – allerdings stark von der Krise gezeichneten – Vorjahreszeitraum. Die Kapazitätsauslastung hat sich zwischenzeitlich von rund 50 Prozent im Frühjahr 2009 auf mittlerweile 87 Prozent erhöht. Damit ist die Produktion noch nicht wieder vollständig zum Vorkrisenniveau zurückgekehrt. Zwar ist die Produktion in einigen Branchen, insbesondere in der Bauindustrie, zu Jahresbeginn aufgrund des kalten Winters, zurückgegangen. Im gewogenen Durchschnitt wurde im Februar allerdings zum ersten Mal seit September 2008 wieder ein positiver Vorjahresvergleich erzielt. Das gilt vor allem für die deutsche Automobilindustrie, wo der Rückgang des Inlandsabsatzes durch bessere Exportmöglichkeiten überkompensiert wird.

Den Auftragseingängen nach zu urteilen, wird sich die Konjunktur für die Stahlverarbeiter in den kommenden Monaten weiter festigen. Darauf deuten auch die Umfragen des Münchner Ifo-Instituts hin, denen zufolge sich die Stimmung in den wichtigsten Branchen aufgehellt hat, weil seit Jahresbeginn bei Stahlhändlern und Verarbeitern wieder erste Lagerergänzungen vorgenommen werden.

Kostensteigerungen bei Rohstoffen
In der momentanen Situation stellen die sich abzeichnenden Preiserhöhungen für die Basisrohstoffe Eisenerz und Kokskohle sowie ein neues kurzfristigeres Preissystem eine außergewöhnliche Belastung für die Stahlkonjunktur und für die stahlbasierenden industriellen Wertschöpfungsketten dar. Die Rohstoffproduzenten haben inzwischen aufgrund ihrer Größe eine gewaltige Marktmacht erlangt, der selbst die größten Stahlunternehmen kaum etwas entgegenzusetzen haben.

Wie groß ihre dominante Marktposition ist, zeigt sich auch daran, dass die drei weltweit größten Bergbaukonzerne sogar im Krisenjahr 2009 ihre Umsatzrenditen auf rund 27 Prozent steigern konnten. Drei große Gesellschaften, die brasilianische Vale (früher CVRD) als ›Nummer 1‹ mit einem Marktanteil von rund 33 Prozent, die australisch-britische Rio Tinto als ›Nummer 2‹ mit 19 Prozent und die australische BHP Billiton mit 17 Prozent beherrschen schon jetzt mehr als zwei Drittel des überseeischen Eisenerzhandels.

Die für das zweite Quartal angekündigten und offenbar mit einigen asiatischen Stahlunternehmen vereinbarten Preissteigerungen für Eisenerz in Höhe von rund 90 Prozent bergen ein erhebliches Risiko für die konjunkturelle Erholung auf den Stahlmärkten. Bei solchen Preiserhöhungen drohen der Stahlindustrie in Deutschland Mehrkosten von rund 3 Milliarden Euro pro Jahr. Eine Preissteigerung in dieser Größenordnung war beim Eisenerz noch nie zu verkraften. Sollten die Bergbaukonzerne sie durchsetzen, lägen die Erzpreise dann sogar über dem Vorkrisenniveau. Erschwert wird die Situation hierzulande dadurch, weil die Stahlunternehmen in Deutschland ausschließlich auf den Import von Eisenerz angewiesen sind.

Auch bei der Kokskohle ist eine deutliche Preissteigerung in Höhe von 55 Prozent im Gespräch. Bei anderen Rohstoffen, wie zum Beispiel beim Schrott und bei verschiedenen Legierungsmitteln, zeichnen sich weitere erhebliche Verteuerungen ab. Nach 40 Jahren wollen die drei großen Bergbaukonzerne das bisherige bewährte Preissystem für Eisenerz und Kokskohle mit Verträgen von einjähriger Laufzeit durch Quartalsabschlüsse ablösen.

Bei Kontrakten mit kürzerer Laufzeit sehen sie höhere Verdienstmöglichkeiten. Diese Entwicklung betrachtet die Stahlindustrie mit großer Sorge, da sie die Kalkulation für die Stahlunternehmen erschweren würde. Ein bewährtes und langfristig orientiertes Vertragssystem würde damit verlassen. Vierteljahresverträge dagegen hätten höhere Kosten, starke Preisschwankungen und eine geringere Planungssicherheit nicht nur für die Stahlindustrie zur Folge, sondern wahrscheinlich auch für die gesamten stahlbasierenden Wertschöpfungsketten.

Versorgungsprobleme lösen
Weil der rasant steigenden Nachfrage nach Massenrohstoffen auf dem Weltmarkt nur wenige Anbieter gegenüberstehen, ist nach Ansicht von Hans-Jürgen Kerkhoff die hierdurch entstehende Möglichkeit zum Missbrauch von Marktmacht der Rohstoffgiganten ein wichtiges Thema für die gesamte Industrie in Deutschland.

Eine Rohstoffstrategie sollte daher neben seltenen und energetischen Rohstoffen auch die sogenannten Massenrohstoffe in den Blick nehmen. Sie sollte sich damit befassen, wie das Industrieland Deutschland seine Rohstoffe nachhaltig sichert. Die jetzt vorgeschlagene Rohstoffagentur, die nach dem Vorbild der DENA (Deutschen Energie-Agentur) entstehen soll, wäre ein guter Ansatz, wobei es natürlich wesentlich auf die Aufgaben und Ziele dieser Behörde ankommt.

Auch die Außenpolitik sollte strukturellen Versorgungsrisiken mit industrierelevanten Rohstoffen wie Eisenerz eine größere Aufmerksamkeit zukommen lassen. Der G8/G20-Gipfel in Toronto wäre ein geeignetes Forum, um die Rohstoffproblematik zu thematisieren. Einzufordern sind grundsätzlich marktwirtschaftliche Prinzipien im weltweiten Rohstoffhandel. Gegenwärtig wird der internationale Handel mit Rohstoffen zudem gerade auch im Stahlbereich durch eine Vielzahl von Handelshemmnissen verzerrt. Auch das sollte verstärkt beobachtet werden.

Kerkhoff: »Eine weitere Konzentration an den Rohstoffmärkten muss unbedingt verhindert werden.« Sollten die beiden australischen Unternehmen Rio Tinto und BHP Billiton, wie geplant, ihre Aktivitäten im Eisenerzabbau zusammenlegen, würde das deren Marktmacht weiter verstärken. Deshalb spricht sich die Wirtschaftsvereinigung Stahl zusammen mit dem europäischen Stahlverband Eurofer in Brüssel entschieden gegen ein solches Joint Venture aus. Die Kartellbehörden sind aufgefordert, es zu unterbinden.

Keine Zusatzkosten
Vor dem Hintergrund der steigenden Rohstoffkosten forderte Kerkhoff, dass die Politik der Stahlindustrie keine weiteren Zusatzlasten, wie etwa in der Klimapolitik, aufbürdet. Kerkhoff: »Das, was die Stahlindustrie jetzt braucht, sind faire politische Rahmenbedingungen in der EU und in Deutschland.« Deshalb müssten die politischen Rahmenbedingungen jetzt so gesetzt werden, dass im internationalen Vergleich für die Stahlindustrie in Deutschland keine Wettbewerbsnachteile auftreten. Eine erhebliche Bedrohung gehe vom Emissionsrechtehandel und dessen Gestaltung in der dritten Handelsperiode ab 2013 aus. Nach wie vor drohen der Stahlindustrie in Deutschland aus den aktuellen Plänen der EU-Kommission Kosten von jährlich bis zu einer Milliarde Euro im Jahr 2020.

Dies wäre im Vergleich zu Regionen außerhalb der EU ein massiver Wettbewerbsnachteil. Stattdessen benötigen die Stahlunternehmen für die Zuteilung wirtschaftlich und technisch machbare ›Benchmarks‹ ohne Aufweichung der Ausnahmen von der Versteigerungspflicht für die von ›Carbon Leakage‹ bedrohten energieintensiven Industrien. Das gilt bei der Hochofenroute insbesondere für die ökologisch sinnvolle Nutzung von Kuppelgasen in der Stromerzeugung, für die die EU-Kommission eine anteilige Versteigerung plant.

Die Folge wären jährliche Zusatzkosten von 200 Millionen Euro im Jahr, ohne einen Umweltnutzen zu erzielen. Von der Bundesregierung wird daher Unterstützung bei diesem Thema erwartet, das die Perspektiven der Stahlindustrie in Deutschland und Europa entscheidend beeinflusst. Für die Elektrostahlerzeugung ist dagegen eine finanzielle Kompensation der indirekten Belastungen für die CO2-Kosten aus den Strompreisen von existenziell wichtiger Bedeutung.

Stahl unterstützt den Klimaschutz
Stahl kommt eine Schlüsselrolle beim Klimaschutz zu. In einer Studie der Unternehmensberatung The Boston Consulting Group (BCG) des Stahlinstituts VDEh und der Wirtschaftsvereinigung Stahl wurden die CO2-Einsparungen aus wesentlich innovativen Stahlanwendungen wie effizienteren Kraftwerken, Windenergieanlagen oder leichteren Fahrzeugen den durch die Stahlproduktion verursachten CO2-Emissionen gegenübergestellt.

Fazit: Die Einsparpotenziale durch den Einsatz von Stahl sind höher als die Emissionen aus der Stahlerzeugung in Deutschland. Die Bilanz wurde für Deutschland im Zeitraum 2007 bis 2020 anhand von acht ausgewählten innovativen Stahlanwendungen berechnet. Dabei werden die bei der Produktion anfallenden CO2-Emissionen auf den gesamten Lebenszyklus der jeweiligen Stahlanwendung umgelegt.

Für die betrachteten Beispiele ergibt sich durch den Einsatz innovativer Stähle insgesamt ein Einsparungspotenzial von 74 Mio. t CO2 im Jahr 2020. Die größten Einsparmöglichkeiten liegen in der Erneuerung fossiler Kraftwerke (29,5 Mio. t), beim Ausbau der Windenergie (14,2 Mio. t), der Gewichtsreduktion von PKW (11,2 Mio. t), beim Ausbau der Kraft-Wärme-Kopplung (9,2 Mio. t) sowie bei weiteren erneuerbaren Energien, wie Geothermie, Biomasse und Wasser (5 Mio. t).
Die Stahlerzeugung in Deutschland verursacht einschließlich der Rohstoff-Gewinnung jährlich Emissionen von rund 67 Mio. t CO2. Diese können durch die ermittelte CO2-Einsparung von 74 Mio. t mehr als kompensiert werden.

Betrachtet man nur die acht für die Studie untersuchten Stahlanwendungen, ist die Bilanz sogar noch positiver: Für die Produktion des dafür erforderlichen Stahls fallen nur rund 12 Mio. t CO2 im Jahr an.
Der innovative Stahleinsatz spart also sechsmal soviel CO2 ein, wie durch die Stahlproduktion verursacht wird. Ein Drittel der CO2-Verringerungspläne der Bundesregierung lässt sich nur mit innovativem Stahl verwirklichen. Aus technischen und ökonomischen Gründen kann man Stahl an vielen Stellen nicht durch Alternativwerkstoffe ersetzen. Eine leistungsfähige Stahlindustrie, die die erforderlichen innovativen Stahlprodukte liefern kann, wäre nach Ansicht der Wirtschaftsvereinigung Stahl ein wichtiger Beitrag zu einer erfolgreichen Klimapolitik.

Hans-Ulrich Tschätsch
Freier Fachjournalist aus Oberhausen
www.stahl-online.de


Hintergrund
Die Wirtschaftsvereinigung Stahl ist der wirtschaftspolitische Verband der Stahlindustrie in Deutschland. Sie blickt auf eine über 130-jährige Tradition zurück. Im Jahr 1874 bildete sich als Vorläufer der heutigen WV Stahl der ›Verein Deutscher Eisen- und Stahl-Industrieller‹. 1935 wurde er in die ›Wirtschaftsgruppe Eisen schaffende Industrie‹ überführt. Als Nachfolgeorganisation entstand 1946 die ›Wirtschaftsvereinigung Eisen- und Stahlindustrie‹, die 1988 ihren jetzigen Namen erhielt.

Die Wirtschaftsvereinigung Stahl vertritt die branchenpolitischen Interessen fast aller in Deutschland produzierenden Stahlunternehmen und assoziierter ausländischer Mitgliedsunternehmen.

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