28. AUGUST 2016

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Wir gehen nicht ins Jammertal


Drei-Fragen - Dr. Klaus Middeldorf

Interview mit Dr.-Ing. Klaus Middeldorf, Hauptgeschäftsführer DVS – Deutscher Verband für Schweißen und verwandte Verfahren e. V. Die Wirtschaftskrise bestimmt die Diskussion.
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bbr: Welchen Weg schlägt die Fügebranche ein?
Middeldorf: Die Unternehmen und Verbände unserer Branche statten dem Jammertal, das mittlerweile zum beliebtesten Ausflugsort der Deutschen geworden ist, keinen Besuch ab. Unser Weg führt im September nach Essen zur Internationalen Fachmesse Schweißen & Schneiden 2009. Die Reise dorthin hat bereits begonnen. Unternehmen in Deutschland, Europa und in der Welt bereiten sich konzentriert auf dieses Ereignis vor.

bbr: Heißt das, Sie ignorieren die Krise?
Nein, die Fügebranche ignoriert die seit Jahrzehnten größte Wirtschaftskrise keineswegs. Doch wir jammern nicht. Wir beteiligen uns auch nicht an der Psychologie der Krise, nicht daran, immer dramatischere Überschriften zu finden und auch nicht am Abgesang auf die Marktwirtschaft, auf die Globalisierung und schwindendes Wachstum, und wir werden nicht alle 14 Tage medienwirksam Planzahlen nach unten revidieren.

bbr: Gehen Sie denn davon aus, dass ein baldiges Ende der Wirtschaftskrise in Sicht ist?
Die Dauer dieser Krise wird davon abhängen, wie sich die nationalen und internationalen Märkte erholen, und davon, dass die Banken bald ihrer Aufgabe nachkommen, die Unternehmen mit Kapital zu versorgen. Die Dauer der Krise wird aber auch davon abhängen, wie lange die Schar der Meinungsmacher und Multiplikatoren einen Anlass für schlechte Nachrichten sieht und die Menge der Empfänger sich genau davon beeindrucken lässt.

bbr: Aber die Wirtschaftszahlen und Statistiken sprechen eine eindeutige Sprache.
Wir kennen diese Zahlen natürlich: Minus sechs Prozent beim Bruttoinlandsprodukt in Deutschland. Man kann all diese Statistiken und Prognosen aber auch anders lesen, als dies gemeinhin geschieht: Eine »Krise im Jahr 2009« in Deutschland heißt, dass das Bruttoinlandsprodukt, also der Wert aller hier produzierten Güter und Dienstleistungen, im Vergleich zum Vorjahr um etwa sechs Prozent sinken wird. Richtig ist: Seit Bestehen der Bundesrepublik Deutschland hat es das nicht gegeben. Doch die Perspektive auf diese Entwicklung kann sich entscheidend verändern: Denn ein Minus von sechs Prozent bedeutet, dass wir den Vorjahreswert zu 94 Prozent erreichen werden. Die Frage, warum man damit nicht einfach zufrieden sein kann, ist allerdings verpönt, weil sich innerhalb der deutschen Volkswirtschaft das Bewusstsein verfestigt hat, dass sie Jahr um Jahr wachsen müsse. Was auch richtig ist, denn nur Wachstum bedeutet Stabilität in der Volkswirtschaft, aber niemand muss den Eindruck erwecken, dass sich Deutschland nach Überwindung der derzeitigen Krise auf dem Niveau eines Entwicklungslandes befindet. Ich wiederhole: Das tatsächliche Ausmaß der Wirtschaftskrise wird sehr stark davon abhängen, was und wie lange darüber öffentlich gesprochen und geschrieben wird.

bbr: Also stimmen die vielen verschiedenen Wirtschaftsprognosen nicht?
Wirtschaftsprognosen sind ein zweischneidiges Schwert. Einerseits gelten sie für die Unternehmen als unentbehrliche Planungshilfe. Andererseits tragen sie aber in keiner Weise dazu bei, vorhandene Verhaltensweisen oder Situationen zu verändern. Im Gegenteil, Prognosen verstärken diese eher. Ein Beispiel: Die Expertenmeinung besagt, das Bruttoinlandsprodukt soll schrumpfen? Da bestellen viele Unternehmer lieber keine neue Produktionsanlage oder investieren lieber nicht in neue Technologien. Am Ende forcieren die Prognosen die Krise, statt ihr entgegen zu wirken. Und das ist natürlich völlig falsch!

bbr: Sollte man auf Prognosen also besser verzichten?
Es ist im Grunde leider unmöglich, den Prognosen zu entkommen. Bei den Multiplikatoren, die permanent über die Krise sprechen und sie damit noch potenzieren, ist auch Eitelkeit mit im Spiel. Chefvolkswirte, Politiker und auch Journalisten sind keine außenstehenden Beobachter der Situation. Sie sind vielmehr selbst Teil der Mediengesellschaft und beziehen ihre Existenzberechtigung aus dem Erzielen von Aufmerksamkeit. Und die erhält man am leichtesten mit noch katastrophaleren Zahlen und noch drastischeren Formulierungen. Keinesfalls darf man dem Trend widersprechen, man könnte schließlich als naiv dastehen – als Einziger. Deshalb gehen die guten Nachrichten unter. Es traut sich ja keiner mehr, positive Nachrichten zu bringen: Zum Beispiel eingehende Aufträge, neue technologische Lösungen, national und international funktionierende Kooperationen.

bbr: Mit anderen Worten: Die Krise ist weniger schlimm als dargestellt?
Die Wirtschaft wird von Menschen getragen, und sie wird von Menschen geformt. Unternehmer machen sich große Sorgen um Mitarbeiter und Märkte, und sie müssen schnell und unter enormem Druck handeln. Mitarbeiter – die auch Konsumenten sind – machen sich große Sorgen um ihre Arbeitsplätze. Menschen handeln nicht immer rational und nicht immer auf der Basis von Analysen und Optionen. Oft richten sich Menschen danach, was sie wollen, oder was die Mitmenschen tun. Sie kennen doch die Geschichte mit den Lemmingen. Auch wegen dieses Lemming-Effektes ist es überhaupt zu dieser Krise gekommen, eben wegen des Lemming-Verhaltens ist es aber auch so schwer, dort wieder herauszukommen.

bbr: Wie lässt sich denn die Krise überhaupt oder besser bewältigen?
Es sind einzig und allein die Unternehmen, die, auch mit Unterstützung der Verbände, die Krise lösen können. Keine Notenbanken, keine Regierungen und schon gar keine Propheten haben dazu die Möglichkeit. Wir verfolgen sehr aufmerksam die Umsetzung der Investitionsprogramme in Deutschland, in Europa und in der Welt. Wenn diese Investitionsprogramme ihre Wirkungen entfalten, werden Produktionstechnik und Fügetechnik davon profitieren.

bbr: Welche Möglichkeiten bieten sich denn den Unternehmen, um die Krise zu überwinden?
Auf die Wirkung dieser Investitionsprogramme zu warten, reicht natürlich nicht. Unternehmen und Verbände müssen sich jetzt noch stärker als bisher auf ihr bestehendes Netzwerk besinnen und gemeinsam agieren. Für die Unternehmen stellt sich die Lage derzeit so dar, dass Ausrüstungsinves-titionen, Bauinvestitionen und Exportleistungen zurück gegangen sind. Das sind genau die drei Wachstumstreiber, die in den Vorjahren für ein kontinuierliches Wachstum innerhalb der Branche verantwortlich waren. Durch die wirtschaftlich guten vorangegangenen Jahre verfügen die Unternehmen allerdings jetzt über ein gutes Fundament, um aktuell kürzere Auftragszeiten oder sinkende Auftragsvolumina zumindest teilweise zu kompensieren. Wir wünschen uns dabei, dass die Politiker, die so gerne Banken und Großunternehmen als „systemrelevant“ bezeichnen – und damit ihre finanziellen Unterstützungen für diese Unternehmen rechtfertigen – endlich auch die Produktionstechnik und Fügetechnik als wirklich systemrelevant anerkennen – denn wo, bitte schön, sollen die Erfolg bringenden Produkte auf den Märkten herkommen, wenn sie nicht produziert, das heißt gefügt werden? Fügetechnik steht am Anfang dieser Wertschöpfungskette!


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