25. APRIL 2018

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Mit Leichtigkeit und Stärke


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Zum 10. Mal wurde der Swedish Steel Prize vergeben. Und die Gewinner kamen diesmal aus — dazu später. Was diese Jubiläumsveranstaltung noch so inspirierend machte?

Schon fast traditionell wird die abendliche Vergabe des Swedish Steel Prize von SSAB am Morgen mit den Inspiration Seminars eingeleitet. So auch diesmal, als es darum ging aus vier Kandidaten denjenigen zu bestimmen, der die Siegertrophäe — in Form eines kunstvoll verwundenen V aus hochfestem Flachstahl — mit nach Hause nehmen würde. So mussten sich die Finalisten, die Firmen Kuhn aus Frankreich (Ausleger für Mähköpfe), LKAB aus Schweden (Eisenbahnwaggons),?Modec aus Großbritannien (Transportfahrzeuge mit elektrischem Antrieb) sowie Silos Córdoba aus Spanien (Silokonstruktionen), bis zur Siegerverkündigung noch gedulden.

Kontrast — Gegensätze ziehen sich an

Zu den »Inspiration Seminars« in der Halle des altehrwürdigen Cirkus in Stockholm kamen rund siebenhundert geladene Gäste aus allen Erdteilen und bekamen Inspiration pur geboten. Dieses Motto bestimmte die Inspiration Seminars zur 10. Vergabe des Swedish Steel Prize. Und Referenten wie Popstar und Humanist Bob Geldof (Poor countries or rich countries — why should we care?), Professor Björn Lomborg von der Copenhagen Business School (Cool it: Dealing with climate change and fixing the world), die International Brand Managerin von GE, Frau Catarina Gunnarson-Tägmark (Profitability or Sustainable Developement — Must companies choose?) und zu guter Letzt, Frederik Härén, Sprecher des Jahres 2007 (A developing world). Um es kurz zu machen, alle vier brachten die Menge zum Grübeln, denn sie stellten die stereotypen Handlungsmuster von Unternehmen, der Finanzwelt, Politik und jedes einzelnen Bürgers in Frage und ersetzten viele »Wahrheiten« mit neuen Sichtweisen. So plädiert der Statistik-Professor, Björn Lomborg, für eine andere Reihenfolge bei der Lösung weltweiter Probleme. Und da stehen Gesundheit, Ernährung, Forschung in der Landwirtschaft sowie die wirtschaftliche Entwicklung aller Staaten der Welt weit vor dem globalen Kampf gegen CO2 und Erderwärmung. (Sir) Bob Geldof zeigte Wege auf, wie Nahrung, Gesundheit und Wohlstand auch in den Entwicklungsländern Einzug halten könnte. Catarina Gunnarson-Tägmark erklärte warum »grüne« Produkte bei GE kein Marketinggag sind, sondern pure Notwendigkeit, und Frederik Härén erläuterte, wie es in den nächsten zwanzig Jahren weiter geht: Nach dem von ihm 1988 vorausgesagten Dot-Com-Hype (Entwicklung freier Märkte, von Wettbewerb und Kundenservice in der Telekommunikationsbranche) sagte er nun den Watt-Com-Hype voraus, womit er nichts anderes meint, als die Liberalisierung der Energiemärkte — vielleicht gibt’s ja bald den Strom von Google?

Leichter und stärker

Doch nun zu den Kandidaten für den Swedish Steel Prize 2008. Einen neuartigen, leichter zu handhabenden und ergonomisch gestalteten Ausleger für Mähköpfe zur Pflege von Straßenrändern und Böschungen, der sich an Traktoren montieren lässt, stellte das französische Unternehmen Kuhn vor. »Unser Auftrag bestand darin, eine Maschine für die anspruchsvolle professionelle Anwendung zu entwickeln, wo hohe Anforderungen hinsichtlich Stärke und Lebensdauer gestellt werden«, berichtet Mickaël Peterschmitt, Leiter des Entwicklungsprojekts bei Kuhn. »Es ist ein großer Unterschied, ob eine Maschine in der Landwirtschaft eingesetzt und vielleicht 100 oder 200 Stunden pro Jahr benutzt wird, oder ob eine Maschine wie der Pro-Longer 1.500 Stunden pro Jahr in Betrieb ist. Deshalb waren wir gezwungen, unsere bisherige, aus einem herkömmlichen Baustahl gefertigte Konstruktion weiterzuentwickeln.« Die Lösung hieß extrahochfester Stahl. Mit seinem Einsatz konnte der Ausleger für Mähköpfe der Baureihe Pro-Longer nicht nur um 23 Prozent leichter und 20 Prozent stärker konstruiert werden, bei gleichzeitiger Reduktion der Anzahl der Bauteile in der Konstruktion.

Mehr Erz

Die schwedische Firma LKAB stellte einen Erzwaggon vor, der erhebliches Wirtschaftlichkeitspotenzial birgt. Die Grundlage dieser Neuerung ist die erfolgreiche Arbeit an der Konstruktion, bei der hochfester Stahl eine zentrale Rolle einnimmt. Da bei den Waggonmulden extrahochfester warmgewalzter Stahl mit einer Mindeststreckgrenze von 650 MPa zum Einsatz kommt, ließ sich das Eigengewicht der Waggons reduzieren. Damit wurden die Transporte rentabler, denn sowohl beim Gewicht als auch beim Volumen konnte die Ladekapazität der Waggons erhöht werden. Bezogen auf das Gewicht ist eine Erhöhung um 20 Prozent zu verzeichnen, beim Volumen beträgt diese etwa 25 Prozent. Befördert wird das Erz entweder in Form von Pellets oder fein gemahlen als sogenanntes Feineisenerz. Da das Verhältnis von Gewicht und Volumen bei Pellets und Feineisenerz unterschiedlich ist, war es wichtig, bei der Erhöhung des Fassungsvermögens nicht nur ans Gewicht, sondern auch ans Volumen zu denken. »Im Rahmen dessen, was laut Behörden für Eisenbahnwaggons zulässig ist, haben wir alles, was möglich ist, ausgereizt«, erklärt Jonas Finn, der bei LKAB für die Projektentwicklung der neuen Waggonmulden verantwortlich ist. »Außerdem haben wir bei der Konstruktion berücksichtigt, dass die Wartung der Waggons effizienter und leichter durchzuführen sein sollte.«

Silo »light«

»Hochfester Stahl bietet deutliche Vorteile«, erklärt José Cabrera Cuevas, Technischer Leiter bei Silos Córdoba, einem spanischen Silobauunternehmen. »Um eine ebenso starke oder sogar stärkere Konstruktion zu erhalten, braucht man eine geringere Menge Material als vorher. Dadurch haben sich für uns bei der Konstruktion vielfältige Möglichkeiten ergeben, und wir haben zudem sehr konkurrenzfähige Produkte entwickelt.« Belohnt wurde der Einsatz hochfesten Stahls in der Silokonstruktion damit, dass ein Drittel der bisherigen Transportkosten entfällt und dass die Montage jetzt etwa 20 Prozent weniger Zeit beansprucht.

Kommunaler Stadtflitzer

Die Umweltanforderungen an Fahrzeuge wachsen ständig. Besonders hohe Ansprüche werden an Nutzfahrzeuge gestellt. Für das 2004 gegründete britische Unternehmen Modec Ltd. war genau dieses Kriterium bei der Entwicklung des Elektrofahrzeugs ausschlaggebend. »Die Anforderungen an unser Fahrzeug in puncto Umweltverträglichkeit beziehen sich aber nicht nur auf die Schadstoffemissionen«, berichtet Colin Smith, Technischer Leiter und einer der Gründer des Unternehmens. »Der Lärmpegel in den Städten wird zu einer immer größeren Belastung. Unser Elektrofahrzeug ist völlig lautlos und kann prinzipiell sowohl tags als auch nachts zu Fahrten benutzt werden, ohne dabei zu stören. Daher kann man in dichten Wohngebieten ohne Weiteres auch während der Nacht Waren ausliefern.« Dank des verwindungssteifen Rahmens aus warmgewalztem extrahochfesten Stahl mit einer Mindeststreckgrenze von 650 MPa, kann die Batterie bei tiefem Schwerpunkt crashsicher und dennoch wartungsfreundlich in der Fahrzeugmitte platziert werden. Eine Akkuladung reicht für ca. 150 km, und getankt wird an der Steckdose. Die Höchstgeschwindigkeit beträgt 80 km/h, und falls notwendig kann das Fahrzeug — sofern das dafür vorgesehene Getriebe eingebaut ist — beachtliche 33 Prozent Steigung überwinden.

Der Sieg der Leichtigkeit

In einer großartig inszenierten Abendveranstaltung in der »Blue Hall« des Stockholmer Rathauses — dort, wo auch das Gala Dinner für den Nobelpreis stattfindet — vergaben der Präsident und CEO von SSAB, Olof Faxander und Martin Lindqvist, Executive Vice President SSAB Strip Products Division, am Abend den 10. Swedish Steel Prize, den »Nobelpreis« unter den Stahlpreisen, schließlich an die Vertreter der französischen Mähkopfhersteller Kuhn. Ein prächtiges Dinner und eine gelungene Show rundeten die Stahlpreisvergabe ab. Leichter, wirtschaftlicher, fester, diese drei Attribute kann sich jeder Hersteller auf sein Stahlprodukt kleben, der feste bis höchstfeste Stahlgüten dafür einsetzt — und wer will das nicht?
Erik Schäfer

bbr Kurzinterview
„Wir setzen voll auf hoch- und höchstfeste Stahlgüten.“

bbr: Herr Pers, SSAB hat ein gigantisches Investitionsvolumen (rd. 550 Mio. Euro) in die Entwicklung hochfester Stahlgüten bereitgestellt und die Produktion von Borstählen eingestellt. Warum?
Bo-Erik Pers: Wir sehen in den hoch- und höchstfesten Stahlgüten auch langfristig die Zukunft. Das stetige Wachstum in diesen Bereichen bestätigt dies.

bbr: Einige Automobilbauer setzen auf das Presshärten für crashrelevante Bauteile, wo »weiche« Borstähle in der Werkzeugform gehärtet werden. Zeichnet sich hier nicht ein Trend weg von hochfesten Stählen ab?
Bo-Erik Pers: Im Gegenteil. Sie müssen nur einmal die Energiebilanz ansehen, und die fällt für das Presshärten sehr negativ aus. Gerade für die angesprochenen Bauteile sind hoch- und höchstfeste Stähle bestens geeignet. Ich sehe hier den Trend eindeutig zu Gunsten hoch- und höchstfester Stahlgüten laufen.

bbr: Nun haben hoch- und höchstfeste Stahlgüten Nachteile, wie etwa, dass höhere Kräfte zum Umformen, Schneiden etc. notwendig werden — die Bearbeitung somit teurer wird. Die Beschichtung oder das Schweißen gestalten sich auch nicht so einfach wie mit Normalstählen. Können Sie technologisch Abhilfe schaffen?
Bo-Erik Pers: Ein Beispiel ist das kürzlich auf der Euroblech vorgestellte Docol Roll, ein ultrahochfester Stahl speziell für Profilhersteller. Hier erreichen wir inzwischen Umformradien, die die Fachwelt schlicht begeistert haben. Mit Sitz- und Automobilherstellern sowie dem Profiliermaschinenhersteller Jensen aus Dänemark haben wir diesen Werkstoff gemeinsam entwickelt und die Vorstellung von Docol Roll auf der Euroblech war ein voller Erfolg, der uns viele interessante Anfragen und auch Aufträge beschert hat. Wir arbeiten an allen möglichen Stellschrauben, unsere Stähle den Kundenanforderungen bestmöglich anzugleichen und tun dies mit den Kunden zusammen. So ist der Erfolg dieser Entwicklungen garantiert. Zudem haben wir ein riesiges Investitionsprogramm gestartet, zur Entwicklung noch duktilerer und besser zu schweißenden, hoch- und höchstfesten Stahlgüten.
Es fragte: Erik Schäfer

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