24. JULI 2016

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Konjunktur robust


»Die Stahlkonjunktur in Deutschland ist robuster als vielfach angenommen wird.« Mit dieser Aussage beschrieb der neue Präsident der Wirtschaftsvereinigung Stahl, Hans-Jürgen Kerkhoff, den Zustand seiner Branche.

Kerkhoff, bisher Hauptgeschäftsführer der Wirtschaftsvereinigung, hatte zum 1. April die Nachfolge von Professor Dieter Ameling angetreten. Da passte es gut, dass er auf der Hannover Messe überwiegend gute Nachrichten verbreiten konnte. Die Stahlindustrie in Deutschland ist mit Schwung in das Jahr 2008 gestartet und trotzt gegenwärtig den globalen Risiken. Diese Aussage belegte Hans-Jürgen Kerkhoff mit folgenden Zahlen zur Stahlkonjunktur. Die Auftragseingänge lagen in den ersten beiden Monaten des Jahres rund 18 Prozent über dem Vorjahreszeitraum. Damit wird das erste Vierteljahr 2008 mit voraussichtlich knapp 13,5 Millionen Tonnen das auftragsstärkste Quartal seit der Wiedervereinigung sein. Auch bei den Lieferungen deutet sich anhand der Daten für Januar und Februar ein neuer Rekordwert an. Ein weiterer wesentlicher Punkt zur Beurteilung der Lage ist die Reichweite der Auftragsbestände. Diese lag am Ende der ersten zwei Monate 2008 trotz hoher Dynamik bei den Lieferungen bei beachtlichen 3,5 Monaten. Dieses ist ein Wert, der bislang nur im Jahr 2004 übertroffen wurde.

Neue Arbeitsplätze
Die nach Aussagen von Hans-Jürgen Kerkhoff nun schon seit mehreren Jahren anhaltende gute Stahlkonjunktur brachte auch einen erstmals seit 1973 um 1,4 Prozent leicht gestiegenen Zuwachs bei den Beschäftigtenzahlen der Stahlindustrie mit sich. Wie nachhaltig allerdings diese positive Stabilisierung der Beschäftigtenzahl sein wird, hängt nicht zuletzt auch von den politischen Rahmenbedingungen ab. Insgesamt untermauern die neuesten Konjunkturdaten die Prognose vom Jahresbeginn: Die Rohstahlproduktion dürfte im laufenden Jahr auf dem Niveau des Rekordwertes aus dem Vorjahr bleiben. Kerkhoff: »Wir erwarten 2008 wieder eine Produktion von etwa 48,5 Millionen Tonnen Rohstahl. 2008 wird aller Voraussicht nach das dritte Jahr in Folge sein, in dem die Rohstahlkapazitäten nahezu vollständig ausgelastet sind.« Die anhaltend gute Konjunktur in der Stahlindustrie gründet sich auf die unveränderte Aufwärtsdynamik bei den Stahlverarbeitern in Deutschland. Kerkhoff: »Die Stimmungswerte bei unseren wichtigsten Kundengruppen, sind weiterhin sehr gut. Die Auftragslage hat sich in den letzten Monaten sogar verbessert.«

Auf Rekordniveau
»Auch die Auftragsbestände«, so der Präsident der Wirtschaftsvereinigung Stahl weiter, »im verarbeitenden Gewerbe befinden sich auf Rekordniveau.« Gerade in den Branchen, die am Ende der Wertschöpfungsketten stehen, ist die Konjunktur weiterhin außerordentlich stabil. So ist zum Beispiel im Maschinenbau der Auftragseingang aus dem Ausland bis zuletzt zweistellig gewachsen. Auch die Nachfrage aus dem Inland zieht wieder spürbar an. In der Automobilindustrie erholt sich im Bereich der Personenkraftwagen der Inlandsmarkt von der Schwäche des vergangenen Jahres, während der Export trotz des heftigen Wechselkursgegenwindes weiterhin auf hohen Touren läuft. Die Nutzfahrzeugkonjunktur ist ungebrochen dynamisch. Im Bauhauptgewerbe wird die Nachfrage insbesondere vom öffentlichen Tiefbau und dem Wirtschaftsbau getragen, die beide im Vergleich zum Wohnungsbau besonders stahlintensiv sind. Über alle Branchen hinweg ist mit einem Zuwachs in Höhe von knapp drei Prozent zu rechnen. Die Wachstumsraten fallen somit zwar — wie seit Längerem erwartet — gegenüber dem Vorjahr zurück, bleiben aber im langjährigen Vergleich kräftig. Auch der anhaltende Boom in den neuen EU-Mitgliedstaaten setzt sich weiter fort. Seit 2000 hat sich dort die Produktion im verarbeitenden Gewerbe um gut 75 Prozent erhöht, und auch für das Jahr 2008 wird ein Anstieg um weitere neun Prozent erwartet. Die deutsche Stahlindustrie hat an dieser Entwicklung partizipiert: Die Nettoimporte sind seit 2000 stetig gesunken. Im vergangenen Jahr lag der Außenhandelssaldo mit den neuen Mitgliedstaaten erstmals im positiven Bereich. Die Ausfuhren haben sich von etwa 1 Million Tonnen im Jahr 1999 auf knapp 3,5 Millionen Tonnen in 2007 erhöht. Auch für dieses Jahr ist mit einem deutlichen Exportzuwachs in diese Region zu rechnen.

Wermutstropfen »Kostentreiber«
Doch es gibt auch ein paar Wermutstropfen im süßen Wein der deutschen Stahlbranche. Trotz der optimistischen Aussichten und der Chancen, die sich der europäischen Stahlindustrie derzeit und in der nächsten Zukunft bieten, können diese leider nicht vollständig genutzt werden. Zu groß ist die Unsicherheit über die von Berlin und Brüssel geplante Energie- und Klimapolitik. Am 23. Januar 2008 hat die Europäische Kommission ihr Energie- und Klimapaket vorgestellt. Darin ist unter anderem vorgesehen, dass neben einer 20-prozentigen Steigerung der Energieeffizienz auch ein ebenso großer Ausbau der erneuerbaren Energiequellen bis zum Jahr 2020 durchgesetzt werden soll. Die inzwischen von der Kommission unterbreiteten Vorschläge zum Emissionshandel für den Zeitraum nach 2012 stellt die Stahlindustrie ebenfalls vor Probleme. Dabei geht es für sie um drei Kernfragen. Werden die Stahlunternehmen die Emissionszertifikate nach 2012 ersteigern müssen, oder werden sie diese — wie bisher — gratis zugeteilt bekommen? Wenn es keine kostenlose Zuteilung mehr geben soll, würde dadurch den energieintensiven Industrien, zu denen auch die Stahlindustrie gehört, am Industriestandort Deutschland und Europa der Boden entzogen. Dazu Hans-Jürgen Kerkhoff: »Unsere Berechnungen ergeben Zusatzkosten allein für die integrierten Hüttenwerke in Höhe von mindestens 2,3 Milliarden Euro bei angesetzten 35 Euro pro Tonne CO2, die andere Stahlregionen außerhalb Europas nicht zu tragen hätten. Eine schleichende Abwanderung der Grundstoffindustrien aus Europa wäre die Folge.« Eine Entscheidung, ob die Stahlindustrie von der Versteigerungspflicht ausgenommen wird, will man in Brüssel aber erst 2010 fällen und danach immer wieder neu im Abstand von drei Jahren. »Ein solches Vorgehen nimmt der Stahlindustrie aber die notwendige Planungssicherheit für Investitionen. Die unmittelbare Folge wäre ein Investitionsstopp und damit der Beginn der Wettbewerbsunfähigkeit«, so Kerkhoff. Zweitens stellt sich der Stahlindustrie in Deutschland die Frage, wie sie ihre CO2-Emissionen im Zeitraum von 2005 bis 2020 um 21 Prozent mindern soll? Sie hat heute bereits die Nähe des prozesstechnisch Machbaren erreicht. Sie müsste also Zertifikate zukaufen. Da sie wegen des internationalen Wettbewerbs diese Kostensteigerungen allerdings nicht im Preis weitergeben kann, müsste sie ihre Produktion um mehr als ein Viertel begrenzen. Statt der 2020 zu erwartenden 51 Millionen Tonnen Rohstahl könnten dann wahrscheinlich nur noch 37 Millionen Tonnen produziert werden, mit allen Folgen für die Arbeitsplätze. Die dritte für die Stahlunternehmen ebenso wichtige Frage lautet: In welcher Höhe werden die Strompreise steigen? Auch die Energiewirtschaft wird die Zertifikate ab 2012 komplett ersteigern müssen. Diese Kosten werden auf den Strompreis umgelegt. Gerade die Elektrostahlwerke sind aber auf wettbewerbsfähige Strompreise angewiesen. Kerkhoff: »Wir bekennen uns zu einer ambitionierten Klimavorsorge und zu einer nachhaltigen, umweltschonenden Energieerzeugung. Allerdings müssen ökologische Ziele mit ökonomischer Vernunft gestaltet werden.« Eine sichere Stromversorgung zu wettbewerbsfähigen Preisen ist unverzichtbar für eine erfolgreiche Industriegesellschaft. CO2-freie Kernenergie abzuschalten, ohne dabei eine Basis für Ersatzenergien geschaffen zu haben, ist für einen Industriestandort hochriskant. Den Neubau von CO2-ärmeren Kohlekraftwerken zu verhindern, ist deshalb ebenso kurzsichtig wie unvernünftig. Eine ausgezeichnete Stahlkonjunktur und eine gute Wachstumsprognose sind beste Voraussetzungen für Investitionen. Doch braucht die Stahlindustrie hierfür Planungssicherheit, die die EU-Politik zurzeit nicht bietet. Die Stahlbranche will weiter mitbauen an leistungsfähigeren Kraftwerken, leichteren Autos und nachhaltigen Bauwerken. Dazu noch einmal der Präsident der Wirtschaftsvereinigung Stahl: »Es ist verantwortungslos, gerade die Branchen in Deutschland und der EU zu gefährden, die mit ihren Produkten zur weltweiten Klimavorsorge entscheidend beitragen.«

Ausgabe:
bbr 09/2008
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